Erscheinungsort:               HandelsZeitung

Erscheinungsdatum:         Oktober 2002

 

 

 

 

Bachelor und Master sollen Schule machen

 

Hochschulbildungsreform: Den Schweizer Unis und Hochschulen stehen grosse Veränderungen ins Haus. Die Schweiz soll bis 2010 Teil eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes werden. Das hat nicht nur finanziell erhebliche Konsequenzen.

 

Stefan Müller

 

Am Donnerstag dieser Woche stellt die Schweizerische Universitätskonferenz (SUK) die Weichen für tief greifende Reformen der Hochschulbildungslandschaft: Ihre Mitglieder, Erziehungsdirektoren und Vertreter vom Bund, haben darüber zu befinden, wie sie bis 2010 die Lehre an den Universitäten zu erneuern wollen. Die entsprechenden Richtlinien, die Teil einer Gesamtreform sind, gehen anschliessend in die Vernehmlassung und sollen im Verlauf des nächsten Jahres Gesetzescharakter erhalten. Richtschnur für die Erneuerung ist die so genannte Bologna-Deklaration. Bologna steht für die Vision eines vereinheitlichten europäischen Bildungsraumes.

 

 

Auswirkungen auf das ganze
Schulsystem

 

Im europäischen Hochschulbildungssektor herrscht eine unüberschaubare Vielfalt an Bildungssystemen, die sich teilweise gegenseitig nicht anerkennen. Das behindert die Mobilität der Studierenden und Arbeitnehmenden und damit die gedeihliche Entwicklung des Arbeitsmarktes. Ausserdem gerät Europa in der Bildung und Forschung immer mehr ins Hintertreffen gegenüber den USA.

Um diesen Missständen abzuhelfen, trafen sich 1999 in Bologna die Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern, darunter die Schweiz. Resultat: eine rechtlich nicht bindende Deklaration, die vorsieht, bis 2010 die Bildungssysteme gegenseitig anzugleichen. Im Wesentlichen geht es um das Bachelor/Master-Modell in Anlehnung an das angloamerikanische System.

Nach anfänglicher Skepsis beschleunigte die Bologna-Erklärung den ohnehin längst in Gang gesetzten Reformprozess an den Schweizer Universitäten und Fachhochschulen, mit möglichen Auswirkungen bis hin in die Volksschule und Berufsbildung. Doch der Umbau verläuft zeitlich ziemlich unkoordiniert. Während einzelne Hochschulen die Umstellung auf das Bachelor/Master-System weit vorangetrieben oder abgeschlossen haben (wie etwa St. Gallen, Luzern, Basel oder Tessin), stecken andere (Neuenburg oder Genf) noch in den Anfängen.

Das unterschiedliche Reformtempo hat mit den Mitteln und der Grösse einer Hochschule zu tun, aber sicher auch mit dem wachsenden Wettbewerb unter den Ausbildungsstätten, vor allem bei den Master-Studien. Ein verstärkter Wettbewerb stellt auch Peter Gomez, Rektor der Universität St. Gallen fest. Seine Konkurrenten sind indes weniger Schweizer Hochschulen als führende Wirtschaftsuniversitäten in Europa und den USA.

 

 

Profil gewinnen

 

Mit den Richtlinien will nun die Schweizerische Universitätskonferenz den Bologna-Prozess in geordnete Bahnen lenken. „Die Vorgaben beschränken sich aber auf ein Minimum. Die Hochschulen sollen nicht nur ihre verschiedenen Kulturen bewahren, sondern an Profil gewinnen“, erklärt Rudolf Nägeli, Bologna-Koordinator der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS). Die CRUS hat als das ausführende Organ der SUK den Vernehmlassungsvorschlag der Richtlinien ausgearbeitet. Bei diesen Richtlinien, die bis 2005 konzeptuell und bis 2010 in die Praxis umgesetzt sein müssen, geht es vorab um formale Aspekte wie Studienorganisation, Leistungskontrolle und Zulassungsregelungen. Die neue Studienorganisation sieht das dreistufige System Bachelor/Master/Doktorat vor. Der Bachelor gilt als Zwischenabschluss und ist Voraussetzung für ein Master-Studium. Die beiden Abschlüsse zusammen entsprechen den bisherigen vier- bis fünfjährigen Lizenziats- oder Diplomstudien. Schweizweit oder international vergleichbare Abschlüsse setzen eine einheitliche Leistungskontrolle voraus. Das europäische ETCS-Kreditsystem soll dies künftig in der Schweiz ermöglichen. Weiter regeln die Richtlinien den Zugang zu den einzelnen Studiengängen. Für den Bachelor zum Beispiel gilt dieselbe Regelung wie heute bei den Lizentiats- und Diplomstudien. Vorauswahlverfahren in Richtung eines Numerus Clausus sind laut CRUS nicht geplant. Mit dem Bachelor kann man anschliessend den Master machen, wissenschafts- oder berufsorientiert.

            Dass sich die angestrebten Reformen nur auf Formales beschränken, will Gerhard M. Schuwey, Direktor der Bundesamtes für Bildung und Wissenschaft (BBW), der ebenfalls massgeblich bei der Ausarbeitung des Papieres mitgewirkt hat, nicht stehen lassen: “Der Bologna-Prozess kann bei den äussern Strukturen nicht stehen bleiben. Er ist auch die grösste Chance für Reformen in Bezug auf Studieninhalte, die sich den Universitäten seit Jahrzehnten eröffnet.”

            Um den Worten Taten folgen zu lassen, braucht es aber Geld. Nägeli rechnet mit bis zu zehn Prozent Mehrkosten, allein für die Realisierung der Bologna-Reformen. Entsprechende Forderungen hätte die CRUS bereits an die Politik gerichtet, so der Bologna-Koordinator. „Ohne diese zusätzliche Mittel sehe ich nämlich den Erfolg des Umsetzungsprozesses gefährdet.“ Die SUK war sich denn bewusst, dass ein finanzieller Mehrbedarf entsteht. Zu diskutieren gab dann aber mehr die rechtliche Situation der Fachhochschulen im Zusammenhang mit dem beabsichtigten Umbau.

 

 

Studierende befürchten
Benachteiligungen

 

So wie die CRUS oder das BBW begrüssen nicht alle den Bologna-Prozess. Neben dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund kritisiert der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) vehement die Bologna-Reformen: „Die straff strukturierten Studiengänge erfordern mehr oder weniger ein Vollzeitstudium. Vierfünftel der Studierenden in der Schweiz müssen jedoch einem Nebenerwerb nachgehen, und ein beträchtlicher Teil hat bereits Familienpflichten“, sagt die VSS-Vertreterin Lea Brunner. Damit ist der Bologna-Koordinator der CRUS nicht einverstanden: „Teilzeitstudieren soll weiterhin möglich sein. Leistungsdruck und Wettbewerb nehmen allerdings zu.“

Der VSS sieht weiter die Chancengleichheit bedroht, falls beispielsweise bei der Stipendierung der Bachelor und nicht der Master als Erstabschluss gelten sollte. Die Stipendienämter und Eltern haben nämlich nur für die Kosten bis zum Erstabschluss aufzukommen. Nägeli entschärft diese Befürchtung: Ein kürzlich erstelltes Rechtsgutachten belege, dass bis zum Master-Studium bezahlt werden müsse. Schuwey vom BBW doppelt nach: „Mit dem Neuen Finanzausgleich erhält der Bund künftig mehr Kompetenzen beim Stipendienwesen und kann so stossende Ungleichheiten ausmerzen.“

Derweil drängen, wie gerade jetzt zu Semesterbeginn, immer mehr Studierende an die Universitäten und Fachhochschulen. Zugleich werden die Mittel an den Hochschulen immer knapper und deshalb vielerorts Sparmassnahmen durchgeführt. Eine schwierige Ausgangslage für den Reformprozess. Vielleicht verspricht der neue Hochschulartikel, der voraussichtlich anfangs 2004 vor das Volk kommt, Besserung. Zumindest könnte der Bund  bei einer Annahme der Vorlage das Zepter bei der Hochschulerneuerung übernehmen. (mü)

 

 

Sokrates- und Erasmus-Programm

 

Teilnahme erwünscht

 

„Für Brüssel sind wir inexistent“, sagt Verena Weber, zuständig für die EU-Bildungsprogramme beim Bundesamt für Bildung und Wissenschaft (BBW). Und das wird sich in nächster Zeit kaum ändern. Denn das Dossier „Bildung“ wurde auf die nächste bilaterale Verhandlungsrunde vertagt, frühestens 2007. In der Zwischenzeit soll die „indirekte Teilnahme konsolidiert“ werden. Da die Schweiz weder bei der EU noch beim EWR dabei ist, gesteht man ihr lediglich die Rolle der „stillen Partnerin“ bei den verschiedenen Bildungsprogrammen zu, was sich weitgehend auf den Zugang zu Informationen beschränkt.        

Die Schweiz hat ein grosses Interesse voll an den verschiedenen EU-Bildungsprogrammen teilzunehmen, um die Mobilität der Lernenden und Lehrenden zu erhöhen. Im Vordergrund steht etwa das europäische Programm „Sokrates“. Es will die Bildung fördern und deren Qualität erhöhen. Das bis 2006 laufende Programm verfügt für diesen Zeitraum über einen Haushalt von 1, 85 Mrd Euro. Sokrates gliedert sich in verschiedene Teilbereiche wie Schulbildung, Erwachsenen- und Hochschulbildung, namentlich das Erasmus-Mobilitätsprogramm. Dieses strebt die transnationale Harmonisierung von Lehrplänen und Studiengängen an. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften kritisierte kürzlich, dass die Mitbeteiligung der Schweiz am Sokrates/Erasmus-Programm „ungenügend“ sei. Denn es könne nach wie vor nur an jenen Hochschulen im Ausland studiert werden, mit denen die schweizerischen Hochschulen selbst ein Abkommen hätten.

            Dasselbe Problem gibt es beim Programm „Leonardo da vinci“, das sich um die europaweite Angleichung der Berufsbildung bemüht. Nur dank besonderer Unterstützung des Bundes ist es für Schweizer Studierende möglich, Berufspraktika im Ausland zu absolvieren - und für EU-Studierende,  solche in der Schweiz. (mü)

 

 

- Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS):

http://www.crus.ch/deutsch/CRUS/

 

- EU: Aus- und Weiterbildung:

http://europa.eu.int/comm/education/introduction_de.html