Erscheinungsort:                   NOVA

Erscheinungsdatum:            Dezember 2006 (12/2006)

 

Bedürfnis- und markgerecht wohnen

 

Knappe Ressourcen, individuelles Wohnen – zwei Grössen, die künftig das Wohnen im Alter massgeblich prägen werden. Eine Projektstudie der Hochschule Wädenswil liefert erste Antworten.

 

Stefan Müller

 

„Im höheren Lebensalter erhalten Wohnung und Wohnumgebung für viele Menschen vermehrt Bedeutung“, stellt der Altersforscher François Höpflinger eingangs des „Age Report 2004“1 fest – eine Aussage, die nichts an Aktualität eingebüsst hat. Verschiedene Gründe macht er dafür geltend. So tritt durch die Pensionierung ein wichtiger Lebensbereich, die Arbeitswelt, in den Hintergrund. Mit dem Wegfall des Arbeitsortes verbringen die ehemals Berufstätigen naturgemäss mehr Zeit in ihrer Wohnung. Ausserdem ergibt sich im höheren Alter oft eine „enge Verbundenheit und Passung zwischen persönlichen Bedürfnissen und der Wohngestaltung“. Insbesondere jene Menschen, die schon viele Jahre in derselben Wohnung leben, fühlen sich mit ihrer Wohnung und der Wohnumgebung häufig stark verbunden.

    Aus diesen Gründen misst Höpflinger „der optimalen Wohnform“ einen hohen Stellenwert bei: Die optimale Wohnform biete nicht nur Schutz und Geborgenheit, sondern auch vielfältige Anregungen sowie Spielräume für selbstbestimmtes Handeln, sagt er. Gleichzeitig erleichtere sie die sozialen Kontakte und ein Leben in Gemeinschaft, was zentrale Aspekte einer altersfreundlichen Wohnwelt seien. Bei der Planung von Wohnraum für ältere Menschen gilt es nun, diese Bedürfnissen mit den zunehmend knapperen Ressourcen unter einen Hut zu bringen.

     Alters- und Pflegeheime haben sich den Herausforderungen zu stellen. Ein freiwilliger oder frühzeitiger Wechsel respektive Übertritt in ein Heim erfolgt heute ohne zwingenden Grund immer seltener. Fachleute nennen als Voraussetzung für einen frühzeitigeren Übertritt: Die „alten“ Qualitäten aus dem vorhergehenden Wohnumfeld (Privatsphäre, Raumgrösse, Sozialumfeld oder Bewegungsfreiheit) müssen aufrechterhalten bleiben. Weiter braucht es neue Qualitäten wie Sicherheit, Komfort oder zusätzliche Serviceleistungen. Und schliesslich hat das Kosten-Nutzen-Verhältnis attraktiv zu sein.

 

„Keine Umzüge mehr“

 

Ein neues, zukunftsweisendes Wohnmodell, das das Alters- und Pflegeheim Haus Tabea in Horgen plant, will diesen Aspekten Rechnung tragen. Auf Grund der wachsenden Nachfrage sieht sich das Haus zum dritten Mal innert wenigen Jahren gezwungen, erneut einen Erweiterungsbau ins Auge zu fassen. Das Wohnangebot wird dabei fast verdoppelt, von 80 auf 150 Plätze. Mit dem Neubau, der sich an ältere Menschen ab 55 richtet, beabsichtigt der Verein Haus Tabea nicht nur die in Zukunft zusätzlichen notwendigen Zimmer und Betten bereit zu stellen. Laut Heimleiter Urs Bangerter soll auch dem Problem begegnet werden, dass Menschen im Alter gezwungen werden, mehrmals umzuziehen.

    Um diesem Ziel gerecht zu werden, beauftragte die Heimleitung die Hochschule Wädenswil (HSW) mit einer Projektstudie zum Thema „Flexibles Wohnen im Alter“2. Weshalb aber wurde der Umweg über eine Projektstudie gewählt, was ja eher ungewöhnlich ist für den Bau eines Altersheimes? „Unser derzeitiger ‚Neubau’ wurde vor rund zwölf Jahren eingeweiht“, sagt Urs Bangerter. „Wenn wir jetzt bauen, kann es ja nicht sein, dass wir im gleichen Stil weitermachen.“ In der Zwischenzeit habe sich viel verändert, neue Forschungserkenntnisse hätten Einzug gehalten. Zum Beispiel, dass sich demente Menschen am wohlsten in einer integrativen Einrichtungen fühlten, also in einer Institution, wo Pflegeleistungen integriert sind.

 

„Was heisst flexibles Wohnen?“

 

Die im Frühling publizierte Projektstudie zeigt auf, wie dies in der Praxis aussehen könnte. Die Hochschule Wädenswil entwickelte in Zusammenarbeit mit dem Haus Tabea eine entsprechende Lösung. Welche Vorteile bietet dieses flexible Wohnmodell gegenüber einem konventionellen? „Es setzt Sicherheit und Kontinuität an die oberste Stelle und garantiert nach dem Einzug ins Heim, nie mehr umziehen zu müssen“, sagt der Studienverantwortliche, Heinz Bernegger. Bei einem Wechsel der Lebensumstände, zum Beispiel durch den Tod des Lebenspartner, müsse nicht mehr der Bewohner ein neues Wohnumfeld suchen, sondern das Wohnumfeld passt sich selbst den veränderten Bedürfnissen an, etwa mit einer geringeren Wohnungsgrösse.

    Das Wohnmodell beruht auf einer nutzungsneutralen Gebäudestruktur, die erlaubt modular gereihte Raumeinheiten beliebig zu erweitern oder zu verkleinern, um so die Wohnungsgrössen flexibel den neuen Bedürfnissen des Bewohners anzupassen. Zudem können Sanitärräume temporär zu Küchen umgenutzt werden. Eine intelligente Belegungslogik ermöglicht die optimale Neubelegung frei werdender Räumlichkeiten. Dieses Belegungsverfahren vermöge langfristig einen guten Wohnungsmix, der präzis auf die Bedürfnisse des Marktes ausgerichtet sei, aufrechtzuerhalten, so die Studienautoren. Dank der optimierten Auslastung könne für den Betreiber eine langfristige Rentabilität erwartet werden, und für die Bewohner ein optimales Preis-Leistungsverhältnis.

    Um den Langzeitnutzen auszuloten und zu optimieren, wurde beim vorliegenden Projekt eine Möglichkeit entwickelt, das Verhalten des Wohnmodells auf einen Zeitraum von 40 Jahren zu simulieren. Bernegger räumt ein, dass auf Grund der dynamischen Entwicklung verschiedener Faktoren wie der Bedürfnisse der künftigen Bewohner das Verhalten nur begrenzt voraussagbar sei. Der Nachweis, dass das Modell langfristig „generell funktioniert“, hätte jedoch klar erbracht werden können.

 

Geeignet für städtische Verhältnisse

 

Gleichwohl gehen die Studienautoren davon aus, dass die Erstellung wie der Betrieb eines flexiblen Wohnmodells „etwas“ teurer als der konventionelle Heimbau zu stehen komme. So richtet sich der „Prototyp zwischen rein privatem Wohnen und Wohnen in einem Heim“ eher an das mittlere Preissegment. „Das flexible Wohnmodell eignet sich besonders für städtische Verhältnisse“, erklärt Bernegger, „da je höher die Zahl der Wohnungen, je einfacher und besser kann die Belegung optimiert werden, was die Kosten wiederum senkt.“

     Um die Möglichkeiten des Wohnmodells voll auszunutzen, drängt sich eine Flexibilisierung des heutigen Eigentums-/Mietrechts auf. Die Studienautoren sprechen von einer „neuen Art künftigen Mietwohnungsbau mit Service durch die Betreiberorganisation“. Im Haus Tabea macht man sich darüber auch Gedanken: „Beispielsweise über die Gründung einer Genossenschaft oder einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft“, sagt Urs Bangerter. Die Idee eines so genannten „Raumrechts“, wie ihn das Bundesamt für Justiz schon aufgeworfen habe, sei in diesem Zusammenhang interessant. Es handle sich dabei um eine Mischform zwischen Eigentums- und Mietrecht.

    Die Bauplanung geht indessen weiter voran. Auf Grundlage der Projektstudie schrieb das Haus Tabea im Januar 2006 einen Architekturwettbewerb aus, woraus das Projekt des Architekturbüro Bob Gysin und Partner als Sieger hervorging. Zurzeit wird das Vorprojekt erarbeitet, damit der Trägerschaft gegen Ende Jahr den Antrag für den Projektkredit von etwa 800'000 Franken unterbreitet werden kann. Der Spatenstich erfolgt im Idealfall im Frühling 2008.

            Währenddessen schaut die Schweizer Fachwelt interessiert nach Horgen. Denn die Umsetzung dieses Wohnmodelles vom Papier in die Praxis hat Pioniercharakter.

 

 

Kasten

 

Der Pensionär von morgen

 

Gemäss Altersforschung wird der Pensionär von morgen daran interessiert sein, sein letztes Lebensdrittel aktiv und sinnstiftend selbst gestalten zu können. Ehrenamtliche Tätigkeiten, Interessensvertretungen, das Eingehen neuer Partnerschaften oder Selbstverwirklichung werden zunehmend nicht mehr nach finanziellen oder egoistischen Gesichtspunkten ausgewählt, sondern nach ethischen und sozialen Aspekten. Technische Hilfsmittel, insbesondere elektronische, gewinnen dabei einen wachsenden Stellenwert. (mü)

 


[1] Age Report 2004, Traditionelles und neues Wohnen im Alter: François Höpflinger, Seismo Verlag 2004, ISBN 3-03777-004-X.

 

[2] „Flexibles Wohnen im Alter – Lebens(t)raum Haus Tabea“: Heinz J. Bernegger, Urs Bangerter, Daniel Eugster, Hanspeter Kälin, Editions à la Carte, Zürich 2006, ISBN 3-905708-00-0.

 

- „Pflegebedürftigkeit in der Schweiz, Prognosen und Szenarien für das 21. Jahrhundert, Francois Höpflinger, Valérie Hugentobler, Verlag Hans Huber, 2003. ISBN 3-456-84011-X.