Erscheinungsort:                   Aargauer Zeitung

Erscheinungsdatum:            5. September 2006

 

Den Unfall bewältigen

 

Unfalltrauma. Wie Kinder einen Verkehrsunfall psychisch verarbeiten, hängt auch von ihren Vätern ab.

 

Stefan Müller

 

Jedes Jahr verunfallen Tausende von Kindern im Strassenverkehr. Im vergangenen Jahr war von den insgesamt 27'000 Verkehrsverletzten rund jedes neunte Opfer ein Kind. Nach der medizinischen Versorgung kehren die meisten dieser Kinder, körperlich wieder hergestellt, in den Alltag zurück. Was für psychische Konsequenzen ein solcher Unfall für die Kinder jedoch hat, wurde bisher kaum untersucht. Aus amerikanischen Studien weiss man, dass 10 bis 35 Prozent der verletzten Kinder ein psychisches Trauma erleiden können. Seit kurzem liegen nun auch die Ergebnisse einer Schweizer Studie vor.

    Drei Kinderkliniken – Aarau, Zürich, St. Gallen – untersuchten 68 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass das Kind mindestens 24 Stunden hospitalisiert war. Der Schweregrad der Verletzungen reichte von leicht bis schwer. Die erste Befragung fand einen Monat nach dem Unfall, die zweite ein Jahr danach statt. Die Ergebnisse bestätigen die amerikanischen Untersuchungen. Jedes fünfte bis sechste Kind wies sowohl bei der ersten Befragung eine so genannte „posttraumatische Belastungsstörung“ auf als auch ein Jahr später.

    „Die hohe Rate nach einem Jahr hat uns überrascht“, sagt Markus Landolt, Studienverantwortlicher und Leitender Psychologe am Kinderspital Zürich. Ausserdem habe der Schweregrad der Verletzung keinen Einfluss auf die resultierenden psychischen Symptome, was häufig irrtümlicherweise angenommen werde. Weiter überraschte ihn die Tatsache, dass Mädchen und Knaben gleichermassen, umso mehr Mühe haben den Unfall zu bewältigen, je stärker der Vater selbst unter den Unfallfolgen litt. Landolt vermutet, dass ein psychisch belasteter Vater die Kinder mehr verunsichert als eine „schwache“ Mutter.

    Kinder mit einem solchen Trauma erleben den Unfall beharrlich immer wieder, ausgelöst durch Erlebnisse, Bilder, Geräusche oder Gerüche. Mit Vermeidungsstrategien versuchen sie dem Problem Herr zu werden. Sie benützen beispielsweise den bisherigen Schulweg nicht mehr oder steigen nicht mehr aufs Velo. Sie reagieren mit Wutausbrüchen oder Traurigkeit. Probleme in der Schule und im Alltag sind die Folge.

            Auf Grund der meist zu spät einsetzenden Behandlung der Kinder geht der Psychologe von einem beträchtlichen volkswirtschaftlichen Schaden aus.

 

Literaturhinweise:

-          „Wie Pippa wieder lachen lernte“: K. Pal-Handl, R. Lackner, B. Lueger-Schuster. Ein Bilderbuch für Kinder, Verlag Springer Wien, New York.

-          „Psychotraumatologie des Kindesalter“: Markus A. Landolt, Hogrefe & Huber Verlag, 2004.

 

 

Präventiv behandeln

Das Kinderspital Zürich hat ein Pilotprojekt gestartet, um Kindern nach einem Verkehrsunfall rechtzeitig psychologisch zu helfen. Wenige Tage nach dem Unfall erfolgt eine psychologische Intervention. Mit Skizzen und Spielzeugen rekonstruiert der Psychologe zusammen mit dem Kind das Unfallereignis und bespricht seine Symptome. Anschliessend werden die Eltern über mögliche Hilfestellungen für ihr Kind informiert. Die rund halbstündige Sitzung soll die Entwicklung eines chronifizierten Unfalltraumas verhindern und später eine mehrmonatige Psychotherapie überflüssig machen. Erste Studienauswertungen zeigen, dass dies bei einem Teil der Kinder tatsächlich gelingt. (mü)