Erscheinungsort:               Astrea

Erscheinungsdatum:         November 2002

 

 

Der Traum – ein Tor zur inneren Wirklichkeit

 

Die Träume haben den Menschen schon immer in Bann gezogen. Wie können wir sie für unseren Alltag fruchtbar nutzen?

 

Stefan Müller

 

Unmittelbar nachdem er die rote Pille geschluckt hat, schrumpft er zu einem winzigen Zwerg. Ein Grösse, die ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Eine geraume Zeit geniesst er sein neues Dasein. Doch dann langweilt es ihn. Er wirft eine grüne Pille ein und beginnt sofort wieder zu wachsen. Er wächst und wächst, bis er seinen Kopf oben an der Decke anstösst – und aufwacht.

            Lachend erzählt mir ein Freund seinen Traum, der ihn morgens erheitert aus dem Bett steigen liess. Wenn wir von Träumen reden, kommen uns  oft die ungewöhnlichen, fantastischen Traumbilder in den Sinn. Im Traum begegnen uns Personen, die längst gestorben sind. Wir befinden uns unversehens in fernen Ländern. Wir können fliegen, entwickeln titanische Kräfte oder Tiere sprechen zu uns. Alles ist möglich, die Naturgesetze sind aufgehoben. Würden wir im Wachzustand von solchen Erlebnisse berichten, müsste man an unserem Verstand zweifeln.

 

 

„Der Königsweg zum Unbewussten“

 

Seit alters beschäftigen sich die Menschen mit den Träumen. Woher kommen sie und was wollen sie uns sagen? Fragen, an denen sich schon manch heller Kopf wund scheuerte. Heraklit, ein griechischer Philosoph, stellte fest: „Die Wachen haben eine und eine gemeinsame Welt, aber im Schlaf wendet sich ein jeder von ihr ab und seiner eigenen zu.“ Und Paracelsus bemerkte, dass das, was der Traum zeige, der Schatten jener Weisheit sei, die in uns existiere, auch wenn wir im Wachzustand nichts davon wissen.

            Schon in der Antike bildeten die Völker die Traumdeutung zur hohen Kunst aus. Diese Kunst wurde seither ständig weiterentwickelt. Die Aufklärung aber verwies die Traumdeutung in die Welt des Aberglaubens. Erst Sigmund Freud machte sie schliesslich wieder salonfähig. Er verstand den Traum als „Königsweg zum Unbewussten“, in dem aktuelle Konflikte verarbeitet und neue Perspektiven entwickelt werden.

Sein Schüler Carl Gustav Jung ging noch weiter: Er betrachtete das Träumen als einen Weg, auf dem wir das Geheimnis unseres Lebens und den Sinn unserer Existenz ergründen können.

 

 

„Träumen für unser seelisches Gleichgewicht“

 

Brigitte Spillmann vom C.G. Jung Institut Zürich hat keine Zweifel an der existenziellen Bedeutung von Träumen. „Wir brauchen das Träumen für unser seelisches Gleichgewicht. Experimentelle Untersuchungen in Schlaflabors haben ergeben, dass jeder Mensch in jeder Nacht mehrere Träume hat. Und wenn der Mensch am Träumen gehindert wird, entwickelt er schwere psychische Störungen.“

            Die Nachtträume unterscheiden sich stark von den Tagträumen. Die ersteren entstammen dem Unbewussten, und wir können sie willentlich nicht beeinflussen, im Gegensatz zu den Tagträumen, Produkte der Fantasie, die wir mehr oder weniger aktiv mit gestalten.

            Nachts träumen wir immer, obschon uns am Morgen das Gedächtnis häufig im Stich lässt. Haften bleiben eben vor allem die „grossen“ Träume, nicht die alltäglichen. Die grossen gehen einem nicht mehr aus dem Kopf, bis wir glauben, sie annähernd begriffen zu haben. So überrascht es nicht, dass wir uns an gewisse Träume ein Leben lang erinnern. Die Psychotherapeutin Spillmann: „ In früheren Zeiten suchten die Menschen in solchen Situationen den Traumdeuter auf, heute kommen sie gelegentlich in die Psychotherapie mit dem dringenden Wunsch, den ergreifenden Traum zu verstehen.“

 

 

Die Träume sprechen…

 

Mit Träumen kann man sehr verschieden umgehen. Die einen versuchen sie zu ignorieren, als „Träume sind Schäume“ abzutun. Manche lesen sie als Prophezeiung und ordnen sich dem Wink des Schicksals sklavisch unter. Oder man geht sie therapeutisch an.

            Wie sieht die Traumarbeit in einer tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie aus? „Die Träume sprechen in Symbolen zu uns“, erklärt die Jungianerin Spillmann. „Und gerade, die in den Symbolen enthaltene Dynamik vermag Blockierungen im Lebensfluss wieder aufzulösen und Bewegung in erstarrte Lebensmuster zu bringen. Letztlich geht es darum, durch die Träume mit den selbstheilenden Kräften der Seele in Berührung zu kommen.“

            Mit Träumen kann man aber auch ganz pragmatisch umgehen. So empfiehlt die Psychotherapeutin: „Versuchen Sie Ihre Träume zu erinnern, lassen Sie die Bilder, die Stimmungen auf sich einwirken. Vielleicht führen Sie sogar ein Traumbuch, in dem Sie Ihre Träume festhalten. Lassen Sie sich ganz einfach von Ihnen anrühren und bewegen.“

 

 

Den Traum nochmals träumen

 

Einen ganz unspektakulären, aber erfolgreichen Umgang hatte das im Dschungel Malaysias lebende Volk der Senoi gefunden. Sie „träumten“ den Traum als Tagtraum nochmals und besprachen ihn zudem mit der Familie und mit Allen, die vom Traum betroffen waren. Den belastenden Schluss formten sie dabei zu einem „Happy End“ um. Ziel war es dabei, sich mit dem Negativen zu versöhnen. Damit konnten die Senoi Konflikte lösen und hatten wenige psychische Störungen. Die friedfertige Kultur der Senoi ging leider während den Wirren des Zweiten Weltkrieges weitgehend unter. (mü)

 

 

- Sigmund Freud, die Traumdeutung, 1997, ISBN 3-596-10436-X, Fr. 22.60

 

- Institut für Traumanalysen

K. Meyer

Bächlistrasse 20

8280 Kreuzlingen

http://www.traumfernschule.ch/