Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    4. April 2004

 

Das Ohrensausen wegdenken

 

Eine neue Verhaltenstherapie heilt den Tinnitus zwar nicht, vermag das Leiden aber
in den Hintergrund zu drängen

 

Stefan Müller

 

Mehr als ein Drittel aller Erwachsenen hat schon einmal ein vorübergehendes Ohrenklingeln erlebt. Und über eine halbe Million Menschen leiden in der Schweiz ständig an einem lästigen Geräusch in den Ohren: an einem Tinnitus, wie der medizinische Fachausdruck für Ohrenklingeln oder Ohrensausen lautet. Der Tinnitus wird erlebt als Pfeifen, Rauschen, Zischen oder Summen. Den unterschiedlichsten Geräuschen im Kopf oder in den Ohren ist nur eines gemeinsam: Bis auf wenige Ausnahmen hört sie nur der Betroffene selbst.

        Der Ohrenarzt findet bei vielen Patienten keinen wesentlichen Befund, oder eine Ohrenerkrankung ist längst ausgeheilt. Als Ursachen kommen wohl Hörbeeinträchtigungen, Lärmschäden, Morbus Menière (Drehschwindel) und andere organische Erkrankungen in Betracht, und auch der Hörsturz ist oft von einem Tinnitus begleitet. Doch neben medizinischen Ursachen gelten vor allem Lärm und Stress als Auslöser.

        Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten sind beschränkt. Am meisten Erfolg zeigt heute die Psychotherapie, insbesondere die Verhaltenstherapie. „Hier stellt sich deshalb die Frage nach einem psychosomatischen Zusammenhang“, erklärt Wolfgang Hausotter. Der Neurologe und Psychiater befasst sich in seiner Praxis im Allgäu seit Jahren mit dem Thema Tinnitus. Hausotter ist sich jedoch bewusst, dass diese Feststellung heikel ist, denn viele Patienten lehnen seelische Faktoren beim Tinnitus ab. Doch Untersuchungen deuten daraufhin, dass die Mehrheit der Patienten mit chronischen Tinnitus auch eine psychiatrische Diagnose aufweist. Kommt dazu, dass die Begleitsymptome den Tinnitus-Patienten bei lang anhaltender Erkrankung zermürben: Ständige innere Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und Angstzustände machen diesen zusätzlich krank. Nicht selten entstehen daraus depressive Störungen oder gar Suizidgedanken. Hausotter verweist auf die ähnliche Symptomatik bei chronischen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder Herzbeschwerden.

        Bei der Verhaltenstherapie, die heute angewendet wird, hat sich das Konzept der „Tinnitus-Retraining-Therapie“ durchgesetzt. „Im Vordergrund steht dabei die Akzeptanz des Geräusches und die Angstbekämpfung“, sagt Hausotter. Das Retraining soll vermitteln, dass nicht das Geräusch, sondern dessen Bewertung das Hauptproblem ist. Am Ende einer erfolgreichen Therapie schafft es der Patient, das Ohrgeräusch als ein zwar störendes, aber irrelevantes Randphänomen in den Hintergrund zu drängen.    

        Bis es allerdings soweit ist, ist ein weiter Weg zurückzulegen. Eine Behandlung kann bis zu zwei Jahren dauern. Der Patient trainiert dabei unablässig, die Aufmerksamkeit vom Tinnitus wegzulenken auf schöne Dinge, etwa auf seine letzten Ferien. Dies ist Schwerarbeit, die nur in kleinen Schritten möglich ist. Immerhin erleichtern verschiedene Hilfsmittel diese Arbeit. So genannte „Noiser“, kleine Geräte, die im oder hinter dem Ohr getragen werden, produzieren ein Geräusch, das etwas leiser als der jeweilige Tinnitus  ist. Auf diese Art soll das Gehirn dazu trainiert werden, das Ohrgeräusch nicht mehr so stark oder gar nicht mehr wahrzunehmen. Da der Tinnitus nachts wegen der Umgebungsruhe am meisten stört, hilft vielen Menschen auch leise Musik zum Einschlafen. Wolfgang Hausotter ist indessen überzeugt: "Schliesslich kommt der Patient nicht umhin, den Tinnitus als seelisches Problem zu akzeptieren." Oft muss er in der Folge sein Leben umstrukturieren und vor allem den Stress abbauen.

  

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