Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    1. Februar 2004

 

 

Die Urkraft des Blutes nutzen

 

Die Therapie mit blutbildenden Stammzellen zeigt grosse Erfolge im Kampf gegen Autoimmunkrankheiten

 

Stefan Müller

 

Wer an rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose oder Morbus Crohn leidet, hat bis heute wenig Aussicht auf eine Heilung. Diese so genannten Autoimmunkrankheiten, bei denen das gestörte Abwehrsystem den eigenen Körper angreift, trotzten bislang hartnäckig den Möglichkeiten der modernen Medizin, die sich meist mit der Behandlung der Symptome begnügen muss.

    Eine neue Methode eröffnet nun neue Horizonte im Kampf gegen diese schweren Krankheiten: die Transplantation der eigenen Blutstammzellen. Im Rahmen einer internationalen Studie der Europäischen Rheumaliga (Eular) wurden  650 Patienten mit ernsthaften Autoimmunerkrankungen eigene Blutstammzellen transplantiert. Die Patienten litten an multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis, systemischer Sklerose, Krankheiten also, die - wenn überhaupt - nur zu einem kleinen Teil genetisch bedingt sind. Wäre die Krankheit nämlich im Erbgut festgelegt, würde die autologe Applikation nichts nützen. Das Resultat ist ermutigend: Bei zwei Dritteln der behandelten Patienten  stabilisierte sich der Krankheitszustand oder verbesserte sich sogar.

    Für die systemische Sklerose oder Sklerodermie demonstrierten der Basler Rheumatologe Alan Tyndall und das Stammzelltransplantationsteam des Unispitals Basel im Rahmen der Grossstudie, was diese neue Therapieform bewirken kann. Sklerodermie ist eine fortschreitende Bindegewebserkrankung, die die Haut an der Körperoberfläche sowie an den inneren Organen verhärtet, in schweren Fällen mit tödlichen Folgen. Von den hundert Probanden mit Sklerodermie reagierte ein Drittel auf die Blutstammzell-Therapie mit einer deutlichen Hautverbesserung. Zudem scheint die bei konventioneller Behandlung hohe Sterblichkeit reduziert werden zu können. Bereits vorhandene körperliche Schäden konnten jedoch durch die Behandlung nicht rückgängig gemacht werden.

    Die Transplantation von Blutstammzellen wird bereits seit zehn Jahren bei Leukämie und Knochenmarksschwund eingesetzt. Ihren Nutzen bei Autoimmunkrankheiten erkannte man erst viel später. Das Prinzip ist einfach. Aus dem Blut werden Blutstammzellen entnommen, die eigentlichen "Blutbildungsfabriken". Anschliessend werden alle im Körper verbliebenen Immunzellen durch Chemotherapie oder Bestrahlung  vernichtet, ähnlich wie bei einer Krebsbehandlung und mit denselben Nebenwirkungen. Nun werden die zwischengelagerten Stammzellen wieder in die Blutbahnen zurückgebracht. Durch diesen Neubeginn, so die Hoffnung, sollen die Stammzellen gesunde und nicht mehr gegen den eigenen Körper gerichtete Abwehrzellen bilden.

    „Der Aufwand für diese Form der Stammzellentransplantation ist viel geringer als früher“, sagt Alan Tyndall. Das aufwändige Verfahren mit Fremdspendern erübrigt sich. Mit Hilfe von Wachstumsfaktoren wird das Knochenmark vor der Blutentnahme dazu angeregt, eine genügend grosse Zahl von Stammzellen in die Blutbahnen zu schicken. Und hier können sie dann bequem „geerntet“ werden. Damit entfällt die heikle Gewebeentnahme aus dem Knochenmark.

    Grossen Wert legt der Rheumatologe auf eine strenge Selektion der Teilnehmer, denn diese ist ausschlaggebend für den Erfolg der Therapie. Es muss eine schwere Autoimmunkrankheit vorliegen, der man mit einer konventionellen Behandlung nicht beikommt, doch gleichzeitig darf die Krankheit noch nicht zu weit fortgeschritten sein.

    Die Patienten erholen sich in der Regel schnell und können nach zehn bis fünfzehn Tagen entlassen werden.  Sie dürfen während des Spitalaufenthaltes sogar Besucher empfangen - im Gegensatz zu Patienten mit Knochenmarktransplantationen von Fremdspendern, wo eine grössere Infektionsgefahr besteht.  Im Idealfall können sie anschliessend ihre Arbeit wieder aufnehmen, was, wie Tyndall betont, die hohen Behandlungskosten von rund 90'000 Franken rechtfertige.

     Auf Grund der viel versprechenden Ergebnisse dieser Vorstudie haben Alan Tyndall und sein Team bereits vor drei Jahren eine kontrollierte Studie der Phase 3 begonnen. Voraussichtlich ab 2006 steht die neue Therapie zur Verfügung.