Erscheinungsort:               NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:         6. April 2003

 

 

Golden Boys und Girls

 

Schweizer Männer ab 40 sind mit ihrem Liebesleben zufriedener als ihre gleichaltrigen Frauen.

 

Stefan Müller

 

Die schönste Nebensache der Welt, der Sex, behält auch bei Frauen und Männern in reiferem Alter seine Bedeutung. Dies zeigt eine neue Untersuchung der Universitäts-Frauenklinik des Inselspitals in Bern. 340 Frauen und 200 Männer im Alter zwischen 40 und 80 Jahre öffneten ihre Schlafzimmertür und gaben Einblick in ihr Sexleben.

Die meisten von ihnen erachteten den Sex als wichtig. Der Sexualtrieb hat bei sechs von zehn Befragten mit dem Älterwerden abgenommen. Bei jeder zehnten Frau nimmt die Libido dagegen in der Menopause sogar zu. Christine Bodmer, Gynäkologin und Verfasserin der Studie, glaubt, dass bei diesen Frauen oft eine neue Partnerschaften eine Rolle spielen.

 

 

Unbekümmerte Männer

 

Der Sexualtrieb ist bei jedem Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei der Zufriedenheit über dessen Stärke zeigt die Studie deutliche Unterschiede bei Frauen und Männern. Während nur ein Drittel der Männer unzufrieden sind, war es bei den Frauen fast die Hälfte. Den Grund sieht Christine Bodmer darin, dass die Frauen im Schnitt stärker von der Libidoabnahme betroffen sind als die Männer. Zudem lassen die Frauen die Auswirkungen auf den Partner nicht gleichgültig: Weniger Lust auf Sex könnte ja heissen weniger Befriedigung für den Partner. Männer scheinen da unbekümmerter zu sein. Sie interessieren sich offenbar weniger für die Bedürfnisse ihrer Partnerinnen. Zugleich hadern sie weniger mit ihrem Aussehen und fühlen sich generell zufriedener mit sich selbst.

            Eine deutliche Diskrepanz zwischen den Geschlechtern zeigt sich nicht nur bei der Zufriedenheit über die Stärke des Sexualtriebs, sondern auch bei dessen Befriedigung. Die grosse Mehrheit der Männer findet ausreichend sexuelle Erfüllung. Demgegenüber fühlt sich fast ein Viertel der Frauen unbefriedigt.

            Sexuelle Zufriedenheit ist nicht zum Nulltarif zu haben. Sie verlangt von beiden Partnern, gegenseitig die Bedürfnisse zu kennen und darauf einzugehen. Und hier hapert es bei den Befragten. Die Untersuchung stellt ein klares Auseinanderklaffen der Bedürfnisse fest. Für die Frauen müssen zuerst die Umstände stimmen, bevor sie Lust auf Sex hatten. Umstände wie: Verstandenwerden, Austausch von Zärtlichkeiten und eine anregende Atmosphäre. Bei den Männern gerade umgekehrt: Sie brauchen zuerst Sex, um sich befriedigt und geliebt zu fühlen. „Was Psychologen längst aus ihrer Praxis kennen, hat sich hier schwarz auf weiss bestätigt“, sagt Christine Bodmer.

            Sexuelle Zufriedenheit hängt für viele Menschen mit der Orgasmusfähigkeit zusammen. Die Untersuchung ergab, dass diese mit dem Älterwerden generell abnahm. Frauen haben damit bedeutend mehr Probleme als Männer. Ein Grossteil der Männer fühlt sich trotz Orgasmusschwierigkeiten nicht unzufrieden, während jede dritte Frau unzufrieden ist. Umgekehrt hat sich die Orgasmusfähigkeit bei immerhin jeder dritten Frau sogar verbessert. Die Berner Gynäkologin geht davon aus, dass bei diesen Frauen neue Partnerschaften eine Wende bringen. Und was bei den Frauen nach der Menopause gewiss auch stimulierend wirkt: Sie brauchen keine Angst mehr vor unerwünschten Schwangerschaften zu haben.

 

 

Alkohol und Nikotin

 

Zu einer befriedigenden Sexualität gehört als wesentlicher Faktor eine gute Gesundheit. So fragte die Forscherin nach den Wechseljahresbeschwerden bei den Frauen und Männern. Bemerkenswert: Nicht nur Frauen, sondern ebenso Männer leiden mehr oder weniger stark unter den typischen Beschwerden wie Schwitzen, Schlafstörungen, Gereiztheit, Nervosität, Depression, Muskel- und Gelenksrheuma. Nach Ansicht der Autorin der Studie behandeln sie ihre Leiden auf unterschiedliche Weise. Während die Männer eher bei Alkohol und Nikotin Linderung suchten, griffen viele Frauen lieber zur Pille. (mü)