Erscheinungsort:                   Aargauer Zeitung

Erscheinungsdatum:            6. Februar 2007

 

Ein Schnitt - und endlich wieder Ruhe

 

Selbstverletzungen: Immer mehr Jugendliche verletzen sich selbst oder gefährden sich durch ihr Risikoverhalten. Musikclips und Internet regen sie zusätzlich an.

 

Stefan Müller

 

Erst als das Blut in die Badewanne tropft, und die Schmerzen langsam spürbar werden, entspannt sich ihr ganzer Körper. Jetzt noch verbinden, dann legt sich das 14-jährige Mädchen erschöpft ins Bett und schläft rasch ein. Das ist eine Szene, wie sie Thomas Kühler in seiner Therapiestation ähnlich immer wieder geschildert bekommt. Kühler ist Leitender Psychologe der DBT-Borderline Abteilung der psychiatrischen Klinik Meissenberg in Zug. Selbstverletzungen sind häufig ein Symptom einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, charakterisiert durch eine emotionale Instabilität in sozialen Beziehungen, im Selbstbild und der Stimmung. Schätzungen gehen davon aus, dass bis gegen zwei Prozent der Bevölkerung unter dieser Krankheit leidet, also rund 140'000 Menschen, vorab Jugendliche, Tendenz zunehmend. Fachleute rechnen mit einer hohen Dunkelziffer, weil sich die Betroffenen oft schämen, einen Arzt aufzusuchen.

 

Nur der Schmerz holt sie zurück

 

„Die Jugendlichen können“, erklärt der Psychologe, „ihre inneren Spannungen wie Aggressionen, Wut oder Selbsthass nicht sinnvoll abreagieren.“ Mädchen würden eher ein Ventil nach innen suchen, etwa mittels Selbstverletzungen; Knaben dagegen nach aussen zum Beispiel mit Gewalt. So landen die betroffenen junge Männer vielfach vor dem Richter, Frauen hingegen beim Psychiater.

            Die Spannungen, ausgelöst durch Abwertungen aller Art, wachsen jeweils so stark an, dass die Jugendlichen nichts mehr spüren, ihren Körper kaum mehr wahrnehmen – nur noch Leere. Sie befinden sich in einem alptraumartigen Trance-Zustand. Nur Schmerzen vermögen in den Augen dieser Jugendlichen den Bann noch zu durchbrechen. Der Schmerz holt sie in die Realität zurück, manchmal wirkt er auch euphorisierend wie „ein sexuell getönter Kick“. „Das selbstzerstörerische Verhalten kennt kaum Grenzen“, sagt Kühler. So werde die Haut aufgeschlitzt, verätzt oder verbrannt, Haare würden ausgerissen, Gegenstände in den Körper gestossen oder Blut abgenommen. Manche produzieren Unfälle im Haushalt oder im Verkehr, balancieren auf Brückengeländern oder Hochhausdächern.

 

Neue Ventile suchen

 

Als Ursachen für diese Erkrankung sieht Kühler zwei wesentliche Faktoren: eine biologisch verankerte Sensibilität für solche Erfahrungen und belastende Erlebnisse, zum Beispiel wenn Kinder geschlagen wurden. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben seiner Meinung nach auch das Internet mit den einschlägigen Foren oder Musikvideos, wo manchmal Selbstverletzungen zelebriert oder zumindest angedeutet werden. Dessen ungeachtet habe jedoch, so der Psychologe, „das willkürliche öffnen und verletzen des Körpers“ den Menschen seit jeher fasziniert, wenn auch in der Regel rituell eingebunden.

            Selbstverletzungen liegen meist keine suizidalen Absichten zu Grunde. Gleichwohl brauchen die Betroffenen dringend ärztliche Behandlung. Am viel versprechendsten ist zurzeit die dialektische Verhaltenstherapie. In einem speziellen Training lernen die jungen Menschen ihre Affekte, in konstruktiver Art und Weise auszuagieren. Unbehandelt kommt fast jeder zehnte Betroffene mit seinem Risikoverhalten irgendwann ums Leben. Eltern und Lehrer rät deshalb der Psychologe, die Jugendlichen offen darauf anzusprechen und an eine Jugendberatungsstelle zu verweisen.