Erscheinungsort:         HandelsZeitung

Erscheinungsdatum:    26. Februar 2003

 

 

Rollstühle schieben statt Zahlen jonglieren

 

Manager versuchen sich als Sozialhelfer

 

SEITENWECHSEL Durch ein Praktikum in einer sozialen Institution können sich Manager für soziale Fragen sensibilisieren. Das Projekt Seitenwechsel für Führungskräfte aus der Wirtschaft wächst trotz Rezession. Viele Firmenchefs haben gemerkt, dass sie zu ihrem Humankapital Sorge tragen müssen.

 

Stefan Müller

 

Das Licht ist erloschen – und Stephan Tanner steckt in der Tiefgarage fest. Seine Hände umklammern die beiden Griffe des Rollstuhls, vor ihm und hinter ihm selbst schliessende Türen und der Boden obendrein leicht abschüssig. Die Zeit drängt, sein „Fahrgast“ hat einen Arzttermin. Der UBS-Manager, sonst gewohnt schnell zu entscheiden und zu handeln, ist ratlos.

            Diese unangenehme Feuertaufe erlebte Stephan Tanner an seinem ersten Praktikumstag. Im Rahmen des Projekts „Seitenwechsels“ tauschte der 38-jährige Executive Director der UBS für eine Woche seinen Managerposten mit der helfenden Hand eines Krankenpflegers und Sozialhelfers im Oberriedener Wohnhaus Bärenmoos. Bärenmoos ist ein Haus für jüngere Körperbehinderte, Menschen mit Multipler Sklerose, Querschnittlähmung oder Hirnverletzungen.           Der Seitenwechsel will Führungskräften aus der Wirtschaft eine besondere Form von Weiterbildung bieten. Er soll Einblick in eine ihnen unbekannte Arbeitswelt, in den Alltag einer sozialen Institution, geben. Mit dem Ziel, die sozialen Kompetenzen zu erhöhen und einen menschlich kompetenten Führungsstil zu fördern.

Die UBS ist seit Beginn an „Seitenwechsel“ beteiligt. Das Projekt ist fest eingebettet in ein rund achtmonatiges Manager-Entwicklungsprogramm für das obere Kader. Laura Honisch, Mitverantwortliche für dieses Programm: „Die Wahl der richtigen Institution ist wichtig. Die Teilnehmer erhalten deshalb genügend Raum, sich zu überlegen, wie weit sie an die eigenen Grenzen gehen wollen. Und ebenso hat die Auswertung und Nachbereitung des Einsatzes einen hohen Stellenwert.“

Auf dem „Marktplatz“, wo sich soziale Institutionen aus der ganzen Schweiz in den Räumen des jeweiligen Unternehmens präsentieren, wählen die Teilnehmenden, vornehmlich Männer, einen Praktikumsort aus. Betriebe des ganzen sozialen ABCs stehen zur Auswahl: psychiatrische Kliniken, Drogentherapien, Aidshilfen, Gefangenenbetreuungen, Altersheime, Kinderkrippen, Ausländer- oder Frauenprojekte.

Stephan Tanner wird zum Morgenkaffee bei Esther M. erwartet. Esther M., noch keine 30 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl und kann sich nur mit merklichen Schwierigkeiten sprachlich ausdrücken. Ein Autounfall stoppte jäh die berufliche Laufbahn der erfolgreichen ehemaligen Chefsekretärin. Sie schätzt den Besuch des Kurzpraktikanten, seine lockere, praktische Art. Gestern hatte er zum Beispiel die Ordner ihres Archivs beschriftet.

Der Seitenwechsler zieht eine erste Bilanz. „Ich bin überrascht, wie schnell ich Berührungsängste abbauen konnte. Die tragischen Schicksale gehen mir jedoch ziemlich nahe. Mir oder meiner Familie könnte dasselbe jederzeit auch zustossen.“

Stephan Tanners Erfahrungen decken sich mit jenen, die die wissenschaftliche Begleitung des Seitenwechsels seit Projektbeginn zu Tage fördert. Erstaunliches Ergebnis: Fast nur positive Eindrücke, sowohl von den sozialen Institutionen, den Unternehmen als auch den Seitenwechslern selbst.

Letztere bemängeln jedoch regelmässig, dass die Einsätze mit einer Woche zu kurz seien. Eine Ausdehnung ist kein Thema für Lucy Hauser vom Projektatelier, das mit der Leitung des Seitenwechsels beauftragt ist: „Für eine Verlängerung ist der Aufwand einfach zu hoch und deshalb unrealisierbar.“ Sie strebt stattdessen mehr Nachhaltigkeit an, indem ein halbes Jahr nach Projekteinsatz ein Tag eingeschaltet wird, um die Umsetzung in den Alltag zu überprüfen.

Die Befürchtung, dass die Unternehmen den Seitenwechsel vornehmlich zur Imagepflege missbrauchen, teilt Lucy Hauser nicht. Sie verweist darauf, dass der Seitenwechsel zurzeit wachse, trotz Rezession. Die Unternehmen merkten eben, dass sie zum Humankapital Sorge tragen müssten.

 

 

Verständnis für sozial Schwächere

 

Der Bärenmoos-Hausleiter Thomas Albrecht ist selbst ein ehemaliger „Seitenwechsler“. 1995 tauschte er seinen Führungsjob, damals beim Bankverein, gegen die Leitung des Bärenmoos ein. Diesen Entscheid habe er keinen Moment bereut, sagt er heute.

Und was bringen die drei bis vier Seitenwechsler jedes Jahr, ausser Aufwand? „Der Seitenwechsel fördert die gegenseitige Anerkennung zweier fremder Welten, was von gesellschaftlicher Bedeutung ist“, umschreibt es Albrecht, der seinerseits seit neuestem seine leitenden Angestellten in die Privatwirtschaft: Das Projektatelier bietet seit letztem Jahr mit Erfolg den umgekehrten „Seitenwechsel in die Wirtschaft“ an.

„Diesen Seitenwechslern geht es jedoch weniger um soziale Kompetenzen“, sagt Lucy Hauser, „als um Know-how etwa in Marketing- oder Personalführungsfragen.“ In der Praxis ergibt sich daraus ein spannender Austausch unter den Führungskräften beider Seiten. Und bei den Sozialtätigen setze sich die Erkenntnis durch, so die Projektatelier-Verantwortliche, dass in der Wirtschaft eben auch nur mit Wasser gekocht werde. (mü)

 

Weitere Informationen:

- http://www.seitenwechsel.ch/index.html

 

-http://mypage.bluewindow.ch/baerenmoos/
baerenmoos.htm

 

 

 

Das Projekt

 

1000 Seitenwechsler

 

Der von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft getragene Seitenwechsel wurde 1991 zur 700-Jahr-Feier der Schweiz lanciert. Mittlerweile haben über tausend Manager vorübergehend die Seite gewechselt. Rund 150 soziale Institutionen aus allen Landesteilen beteiligen sich als Anbieter und Gastgeber.

Die ungewöhnliche Manager-Weiterbildung verschaffte sich indessen weit herum Anerkennung. Nicht nur haben verschiedene Grossunternehmen wie UBS, Basler Versicherung, Skyguide oder die Migros, den Seitenwechsel fest in ihren Manager-Entwicklungsprogrammen verankert, sondern das erfolgreiche Deutschschweizer Projekt konnte sogar exportiert werden.

„In Deutschland stiess der Seitenwechsel schon früh auf offene Ohren“, sagt Lucy Hauser vom Projektatelier, einer privaten Unternehmung, die mit der Leitung des Seitenwechsels beauftragt ist. Ein Hamburger Wohlfahrtsunternehmen kaufte sich eine Lizenz des geschützten Namens und bietet nun landesweit über mehrere Agenturen den Seitenwechsel an. (mü)