Erscheinungsort:               Astrea

Erscheinungsdatum:         Oktober 2002

 

 

 

 

Schmerzbekämpfung

 

Schmerzen - nicht nur lästig, sondern auch nützlich

 

Obschon wir sie stets zum Teufel wünschen, gehören Schmerzen zum Leben genauso wie die Luft zum Atmen. Viele Schmerzen lassen sich jedoch gut behandeln, wenn man sie ernst nimmt.

 

Stefan Müller

 

Der Zahnarzttermin kommt immer ungelegen. Aber die starken Zahnschmerzen machen den Gang zur Zahnärztin, zum Zahnarzt unabwendbar. Manche Schmerzgeplagte dachten in solchen Momenten wohl schon: Wie schön wäre ein Leben ohne Schmerzen. “Glück ist Freiheit von Schmerz”, sagte schliesslich niemand geringerer als   Epikur, der bekannte griechische Philosoph dreihundert Jahre vor Christus. Später allerdings im Mittelalter hat sich die Einstellung zu Schmerzen wieder gewandelt. Die Menschen erduldeten die Schmerzen schicksalsergeben. Sie verstanden sie als eine ehrenvolle, von Gott auferlegte Bürde. Heute dagegen akzeptieren wir Schmerzen nur noch bis zu einem gewissen Grade, überschreiten sie das erträgliche Mass, gelten sie als eine behandlungsbedürftige Krankheit.

 

 

Schmerzen sind lebenswichtig

 

So unangenehm Schmerzen auch sind, so notwendig ist deren Existenz. Denn Schmerzen haben eine wichtige Funktion. Sie warnen vor einer körperlichen Schädigung, sei es an Organen oder Geweben wie Muskeln, Gelenken oder Nerven. “Dank” den Schmerzen ziehen wir die Hand von der heissen Herdplatte zurück. Hätten wir keine Zahnschmerzen, so würden die Zähne einfach verfaulen, ohne dass wir das merkten. Ein tiefer Schnitt in die Hand könnte verhängnisvolle Folgen haben: Fehlender Schmerz liesse uns dann womöglich verbluten. Ebenso eine Blinddarmentzündung, die wir nicht spüren, könnte tödliche Folgen nach sich ziehen.

Wie können wir diese Schmerzen überhaupt wahrnehmen? Die Rheumatologin Lilo E. Muff erklärt den Schmerz so: “Schmerzen entstehen in der Folge einer Reizung bestimmter schmerzempfindlicher Nervenenden. Diese befinden sich in grosser Anzahl in der Haut, aber auch alle anderen Stellen im Körper besitzen solche, die auf unterschiedliche Reize reagieren. Schmerzauslösende Reize wie Kälte, Hitze, Druck oder Dehnung werden in Form von Schmerzsignalen in bestimmten Nervenfasern weitergeleitet. Das Gehirn schlussendlich wandelt diese Signale in die eigentliche Schmerzempfindung um.”

Die Stärke der Schmerzwahrnehmung ist davon abhängig, wie stark sich das Gehirn mit ihnen beschäftigen will, in welcher psychischen Verfassung der Mensch zum Beispiel gerade ist. Geht es einem gut, empfindet man die Schmerzen weniger beeinträchtigend. Oder wenn die Aufmerksamkeit etwas anderem gilt, zum Beispiel einer Aufnahmeprüfung für eine Schule, die man unbedingt absolvieren möchte, treten die Schmerzen ebenfalls in den Hintergrund.

Akute Schmerzen haben eine lebenswichtige Funktion, treten plötzliche auf, beispielsweise nach einer Verletzung, und klingen nach der Beseitigung der Ursache wieder ab. Ganz anders der anhaltende, chronische Schmerz, der seiner existenziellen Funktion beraubt und zum “sinnlosen  Schmerz” wurde. Er hat sich gewissermassen verselbstständigt, das Gehirn hat ihn verinnerlicht. “So entsteht das so genannte Schmerzgedächtnis”, sagt Lilo E. Muff. Laut Schätzungen leiden acht bis zehn Prozent der Bevölkerung an solchen Schmerzen. Die Behandlung dieser Schmerzen stellen für die Medizin und die Betroffenen selbst immer wieder eine grosse Herausforderung dar.

 

 

Vielfältige Behandlungsmöglichkeiten

 

Akute Schmerzen wie etwa Zahnschmerzen oder sporadisches Kopfweh lassen sich rasch und wirksam behandeln. Im einen Fall hilft der Bohrer der Zahnärztin oder des Zahnarztes, im anderen Fall zum Beispiel ein Schmerzmittel. Generell gilt es, zunächst die Schmerzursache zu beseitigen - beispielsweise nach einer Verletzung - und parallel dazu die Schmerzen zu bekämpfen. Nach Möglichkeit verwendet man leichte Schmerzmittel vorzugsweise solche mit nur einem Wirkstoff wie Paracetamol, nötigenfalls in Kombination mit einem Entzündungshemmer. Wichtig bei den akuten Schmerzen: “Sie müssen ausreichend behandelt werden, auch medikamentös, um die Entwicklung eines Schmerzgedächtnis zu verhindern”, betont die Fachärztin.

Bei der Selbstmedikation empfiehlt sich jedoch, mit Schmerzmitteln zurückhaltend umzugehen. Denn längerfristiger, regelmässiger Konsum von Schmerzmitteln, auch leichten, kann die Medikamente selbst zur Schmerzursache machen. Deshalb: Bevor mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, haben verschiedenste nicht medikamentöse Behandlungsalternativen Vorrang. Wieso bei einem gelegentlichen Kopfweh sich nicht einfach eine Auszeit gönnen, sich mal eine Weile hinlegen und einen kalten Lappen auflegen? Oder falls Sie der Kopf öfters martert: Wie wärs mit einer Entspannungstechnik? Zum Beispiel Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen oder Autogenes Training? Viele Schmerzbetroffene, aber nicht nur, setzen auf Autogenes Training. Autogenes Training entspannt und leistet einen Beitrag zum Stressabbau. Und gerade dieser ist bei vielen Schmerzarten vordringlich, insbesondere bei den Zivilisationsleiden wie Rücken- oder Kopfschmerzen.

Halten sich die Schmerzen indes hartnäckig oder kommen in regelmässigen Abständen wieder, sollte die Hausärztin, der Hausarzt aufgesucht werden. Landauf, landab gibt es aber auch eine ständig wachsende Zahl von Schmerzfachleuten, die sich ausschliesslich mit den Auswirkungen des Schmerzes und dessen Beseitigung oder wenigsten Linderung befassen. (mü)

 

 

Box 1

 

Schmerzbekämpfung

 

- Medikamente: leichte Schmerzmittel (Monopräparate wie Paracetamol u.ä.), entzündungshemmende und milde, antidepressiv wirkende Mittel, lokale Salbenbehandlung

- Therapien: Bewegungstherapie, leichtes Ausdauertraining, lokale Massnahmen wie Wärme, Kälte, Massage, Elektrotherapie (TENS); Akupunktur, Feldenkrais

- Entspannung: Tai Chi, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Qi-Gong

- Psychologische Unterstützung: Einzel- oder Gruppentherapien (z.B. bei verschiedenen Spitälern und Rehabilitationskliniken)

- Hausmittel: Wärmeflaschen bei Muskelverspannungen oder Krämpfen, Kühlen mit kaltem Wasser bei Schwellungen oder Verstauchungen. (mü)

 

 

Box 2

 

Weiterführende Hinweise:

 

- Schweizerische Gesellschaft zum Studium der Schmerzen:
Telefon 01 760 20 31

http://www.pain.ch/

 

- Literatur: Mit dem Schmerz leben, Annabel Broome /Helen Jellicoe, ISBN 3-456-83375-X, CHF 22.30

 

- Schmerzklinik Kirschgarten, Basel:
Telefon 061-295 89 89

http://www.schmerzklinik.ch/

 

- Übrige Schweiz: Schmerzfachleute in Ihrer Region können durch Hausärzte und Spitäler vermittelt werden.