Erscheinungsort:                 NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:           23. April 2006

 

Unternehmer schlafen besser als Angestellte

 

Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung leidet unter Schlaflosigkeit. Das hat gravierende Folgen.

 

Stefan Müller

 

Wer klagt nicht über gelegentliche oder sogar häufige Schlaflosigkeit? Dass dieses Übel tatsächlich weit verbreitet ist, bestätigt eine neue repräsentative Umfrage, bei der über tausend Frauen und Männer zwischen 18 und 74 Jahren befragt wurden. Die Analyse der Daten durch die Universität Basel und das International Institute for Advancement of Drug Development (ADI) in Basel ergab, dass ein ganzes Drittel der Schweizer Bevölkerung an chronischer Schlaflosigkeit (medizinisch: Insomnie)  leidet.

    Die Störung wird heute auf Grund verschiedener Kriterien diagnostiziert. Dazu zählen Schwierigkeiten beim Einschlafen oder beim Durchschlafen, frühes Erwachen und unruhige Beine (das so genannte "Restless legs"-Syndrom) sowie Schlaflosigkeit während der Nacht.

 

Depressionen

            Zu diesen chronisch Schlaflosen kommen weitere 60 Prozent von Schweizern und Schweizerinnen, die zwar die strikten Kriterien für eine eigentliche Schlafstörung nicht erfüllen, aber gelegentlich an einem Schlafproblem leiden. Die Frauen sind insgesamt leicht häufiger von Schlafstörungen betroffen als Männer, und bei Frauen wie Männern nehmen die Störungen bei steigendem Alter zu.

            „Dieser Befund ist absolut nicht trivial“, meint Alexandra Delini-Stula, Professorin für Psychopharmakologie und Leiterin des ADI, die mit Edith Holsboer-Trachsler von der Psychiatrischen Klinik in Basel als Autorin zeichnet. Denn begleitet werde die Insomnie von "täglichen persönlichen und sozialen Konsequenzen". Eine grosse Mehrheit der schwer Betroffenen fühlt sich nämlich punkto Vitalität, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Sexualleben sowie generell in der Lebensqualität erheblich beeinträchtigt, wie Mediziner herausgefunden haben. Überdies sind vor allem schwere Schlafstörungen mit Depressionen (bei mehr als 35%) und Verlust an Lebensfreude (40%) verbunden.

            Berufliche Tätigkeit oder auch Nichttätigkeit hat eine direkte Verbindung zur Häufigkeit von Schlafproblemen. So klagt fast die Hälfte der befragten Rentner und mehr als ein Drittel der Nicht-Berufstätigen und Arbeitslosen über schwerere Formen der Schlaflosigkeit. Auch rund ein Drittel der befragten Arbeiter, Studenten, Beamten, Angestellten und Hausfrauen leidet an Schlaflosigkeit unterschiedlicher Ausprägung. Selbstständige Unternehmer, Manager und freiberuflich Tätige schlafen dagegen gut: Weniger als 20 Prozent hatten in dieser Gruppe einen gestörten Schlaf.

    Die beiden Autorinnen der Studie sehen Schlaflosigkeit deshalb als "ein medizinisches und sozio-ökonomisches Problem. Obschon sie oft mit psychiatrischen Diagnosen verbunden ist, wird das Problem in der Praxis meist nicht erkannt oder unterschätzt.“ Die Basler Studie will deshalb vor allem die täglichen Konsequenzen von Schlaflosigkeit genauer aufzeigen. „Menschen mit Schlafstörungen brauchen medizinische Hilfe“ - davon ist die Studien-Mitautorin Alexandra Delini-Stula überzeugt. „Trotzdem nehmen nur ganz wenige Betroffene diese in Anspruch oder gar Medikamente.“ Immer mehr von ihnen suchen tatsächlich professionelle Hilfe, wie Jürg Schwander, der Leiter der Klinik für Schlafmedizin in Zurzach, feststellt. Zunehmend seien auch jüngere Menschen betroffen, erklärt der Schlafmediziner. Die meisten Hilfesuchenden leiden an Ein- und Durchschlafstörungen.

    Hinzu kommen krankhafte Essattacken mitten in der Nacht: Im Schlaf- oder Wachzustand würden da  „Kraut und Rüben“ heruntergeschlungen. Bei rund einem Drittel der Schlafstörungen stehen Atemstörungen im Vordergrund, wie zum Beispiel Schnarchen. Die Folge davon ist eine erhöhte Tagesschläfrigkeit, unter der vor allem  Kinder und Jugendliche mit Schlafstörungen leiden.

 

Leistungsdruck

Als generelle Ursache für Schlafstörungen sieht der Schlafmediziner in erster Linie den wachsenden Leistungsdruck der Arbeitswelt und die steigenden Anforderungen der Gesellschaft ans einzelne Individuum. „Einen Grossteil der Erkrankungen lässt sich jedoch erfolgreich behandeln, in den meisten Fällen sogar ohne Medikamente“, erklärt Schwander.  Dies setze jedoch eine gründliche, interdisziplinäre Abklärung voraus. Einfache Massnahmen wie Verhaltens- und Entspannungstherapien genügten dann oft. Auch Jürg Schwander erachtet es wie Alexandra Delini-Stula als sehr wichtig, dass Schlafstörungen ernst genommen und hält es für sehr wichtig, dass Schlafstörungen ernst genommen werden: " Denn Schlafstörungen machen krank und führen auf Grund ihrer vielfältigen Folgen allgemein zu mehr Arztbesuchen.“