Erscheinungsort:                   Aargauer Zeitung

Erscheinungsdatum:            30. Januar 2007

 

Getrübte Mutterfreuden nach der Geburt

 

Postnatale Depression: Jede zehnte Frau leidet nach der Geburt an einer Depression. Weshalb das so ist und was man dagegen tun kann, erläutert der Spezialist Thorsten Mikoteit.

 

Stefan Müller

 

Herr Mikoteit*, eine Geburt ist in der Regel für eine Frau ein freudiges Erlebnis. Trotzdem leiden nicht wenige Frauen nach der Geburt an einer so genannten postnatalen Depression. Das ist doch paradox.

 

Das ist richtig. Rund jede zehnte Frau hat die Symptome einer postnatalen Depression (PND): Das sind depressive Verstimmungen, zum Teil mit emotionaler Labilität und Reizbarkeit. Die Mütter fühlen sich überfordert und den Anforderungen für ein Kind zu sorgen nicht gewachsen. Es besteht eine Unfähigkeit Freude zu empfinden, und dies nicht selten im Gegensatz zu den Erwartungen der Umgebung an eine „glückliche Mutter“. Schuldgefühle und Versagensängste resultieren. Schliesslich können auch Zwangsgedanken auftreten: zum Beispiel aus Unachtsamkeit dem Kind zu schaden. Bei schweren Formen kommen Suizidgedanken bis hin zu Suizidhandlung vor.

 

Was sind die Ursachen dieser Erkrankung?

 

Die Ursachen für eine PND sind im Prinzip ähnlich wie die einer anderen Depression – es spielen biologische, psychologische und soziale Faktoren eine Rolle. Ein wesentlicher Risikofaktor für eine PND ist eine vorbestehende Anlage. Es ist zu vermuten, dass der „normale“ Stress einer Schwangerschaft und derjenige der Geburt sowie die nachfolgenden hormonellen wie psychosozialen Umstellungsprozesse ausreichen, um eine PND auszulösen. Das Risiko erhöht sich zudem, wenn etwa ein Mangel an sozialer Unterstützung, eine konfliktreiche Partnerbeziehung oder „Stress“ mit der Versorgung des Kindes (zum Beispiel bei einem kranken Kind) vorliegen.

 

Wie unterscheidet sich die postnatale Depression vom Baby Blues?

 

Der Baby Blues ist eine sehr häufige Störung (25 bis 40% aller Mütter), die in der ersten Woche nach der Geburt auftritt und nur wenige Tage anhält. Der Baby Blues ist gekennzeichnet durch eine leichtere depressive Verstimmung und Stimmungslabilität. Diese so genannten „Heultage“ bilden sich in aller Regel nach wenigen Tagen ohne spezielle Behandlung wieder zurück.

 

Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten aus?

 

Es gibt je nach Schweregrad und Situation eine breite Palette von Behandlungsmöglichkeiten. Manchmal genügt eine ambulante psychiatrische Behandlung mit Psychotherapie und antidepressiven Medikamenten. Besondere Beachtung sollte der Mutter-Kind-Beziehung geschenkt werden, etwa durch entspannte Mutter-Kind-Kontakte, Mutter-Kind-Spieltherapie oder eine Babymassage. In vielen Fällen kann aber eine stationäre Behandlung sinnvoll sein, idealerweise auf einer spezialisierten Mutter-Kind-Abteilung.

 

 

Wie können die Angehörigen unterstützend wirken?

 

Für die Angehörigen ist es wichtig, die PND als solche zu erkennen und zu verstehen, der Mutter keine Vorwürfe zu machen oder deren depressiven Schuldgefühle zu verstärken, sondern eine verständnisvolle und ermutigende Haltung einzunehmen. Angehörige sollten darauf achten, die depressive, pessimistische Sichtweise der Patientin nicht zu übernehmen, stattdessen der Mutter Rückhalt zu bieten.

 

Was kann die Betroffene selbst tun?

 

Sich informieren, mit dem Arzt offen über die Symptome reden und im Zweifelsfall weiter abklären lassen. Die Belastungen auf möglichst viele Personen verteilen und allgemeine Massregeln wie gesunde Tagesstruktur, einen angemessenen Schlaf-Wach-Rhythmus, ein gesundes Mass an Bewegung und Ernährung sowie Abstinenz von Suchtmitteln einhalten.

 

 

Infozeile:

- Psychiatrische Poliklinik am Universitätsspital Basel: Mutter-Kind-Sprechstunde, Telefon 061 265 51 17;

Sprechstunde für Lichttherapie in der Schwangerschaft, Telefon 061 265 51 17

- Selbsthilfeorganisation „Postnatale Depression Schweiz“ unter Internet www.postnataledepression.ch.

 

 


* Thorsten Mikoteit ist Oberarzt und Leiter der Mutter-Kind-Sprechstunde an der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel, wo unter Chefärztin Anita Riecher-Rössler eines der ersten psychiatrisch-psychotherapeutischen Mutter-Kind-Zentren der Schweiz aufgebaut wurde.