Erscheinungsort:         Der Sonntag

Erscheinungsdatum:    13. Mai 2004

 

 

Patienten auf der Schulbank

 

Gruppenkurse verhelfen Patienten mit chronischen Leiden wieder zu mehr Selbstständigkeit - und tragen dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken

 

Stefan Müller

 

Dorothea Fierz (Name geändert) leidet seit acht Jahren an starken Schmerzen im Rücken. Die 51-jährige Pflegefachfrau hat selbst jeden Tag mit Schmerzpatienten zu tun und weiss eigentlich immer einen guten Rat. Ihre eigenen Schmerzen dagegen lassen sie fast verzweifeln. Nachdem sie schon eine Odyssee von Spezialist zu Spezialist hinter sich hat, erwartet sie auch von Ärzten keine Hilfe mehr. Schmerzmittel und Physiotherapie genügen einfach nicht. Seit vier Monaten besucht sie nun wöchentlich einen Gruppenkurs für aktive Schmerzbewältigung am Kantonsspital Basel. Zwar hat Dorothea Fierz heute nicht weniger Schmerzen. Sie ist aber wieder viel aktiver und zuversichtlicher und fühlt sich den Schmerzen nicht mehr so ausgeliefert wie zuvor.

 

 

Neue Rezepte

 

Bei chronischen Schmerzen (oder chronischen Leiden generell) stösst die Akutmedizin häufig an ihre Grenzen. Neue Rezepte sind gefragt - daher bieten manche Spitäler, Rehabilitationskliniken, Gesundheitsligen, Patienten- oder Selbsthilfeorganisationen Kurse an, in denen die Teilnehmenden lernen, mit ihrem Leiden besser umzugehen. Die Schulungen bewähren sich vorab bei Krankheiten wie Rheuma, Diabetes, Herzschwäche sowie bei Lungen- und Schmerzproblemen.

Als Erstes hatten Studien aus den USA, wo Patientenschulungen bereits in den Siebzigerjahren aufkamen, den Nutzen solcher Programme belegt. Durch gezielte Aufklärung können etwa die Zahl der Krankenhauseinweisungen oder die stationären Behandlungszeiten verringert werden. Ebenso reduziert werden krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, Arztbesuche sowie der Medikamentenkonsum.

Deswegen können Patientenschulungen die Kosten im Gesundheitswesen senken. Edward Bartlett errechnete 1995 in einer heute noch anerkannten US-amerikanischen Studie bei verschiedenen Krankheiten, dass die Schulungskosten durch mindestens dreimal höhere Einsparungen an Krankheitskosten wettgemacht würden. Inzwischen ist man so weit, dass weniger  der Kosteneffekt von Patientenschulungen diskutiert wird, sondern vielmehr die optimale Form eines Schulungsprogramms.

 

 

Aktives Training

 

Die Basler Schmerzgruppen können inzwischen auf eine zehnjährige Erfahrung bauen. Brigitta Wössmer, leitende Psychologin der psychosomatischen Abteilung des Basler Kantonsspitals, erläutert den von ihr massgeblich aufgebauten Unterricht. Zunächst vermittelt eine Kursleiterin den rund zwölf Patienten und Patientinnen Informationen zur Entstehung von chronischen Schmerzen und deren Auswirkungen, insbesondere auf die Psyche. Die Kursleiterin ist eine Psychologin, die über eine spezifische „Schmerz-Ausbildung" verfügt.

Laut Brigitta Wössmer erleben Menschen mit chronischen Schmerzen oft, dass man ihre Schmerzen nicht ernst nimmt. Mit dem psychosomatischen Ansatz, betont sie, sei es nie eine Frage, ob der Schmerz eine lokalisierbare Ursache habe oder nicht: „Schmerz ist immer reell.“ Neben der Wissensvermittlung geht es in den verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Schmerzgruppen vor allem um aktives Training. Eine Physiotherapeutin versucht mit Bewegungsspielen die Freude an der Bewegung - trotz der Schmerzen - wieder zu wecken. Weiter üben die Schmerzpatienten Strategien, sich von den Schmerzen abzulenken oder sich zu entspannen, zum Beispiel mit Progressiver Muskelrelaxation nach Jacobsen.

 

 

Der Blick aufs Positive

 

Wenn jemand ständig unter Schmerzen leidet, ist es zudem nahe liegend, dass sich sein Blick zunehmend verdüstert. Die Teilnehmenden trainieren deshalb gezielt, ihre Augen wieder vermehrt auf Positives zu lenken. "Was mache ich gerne? Was macht mir Spass?" Solchen Fragen geht jeder Patient im Rahmen der Gruppenschulung individuell nach. Die Verhaltensänderungen werden dann immer wieder von neuem eingeübt und anschliessend in den Alltag umgesetzt.

Das halbjährige Programm, dessen Kosten die Krankenkassen voll übernehmen, hat eine erstaunliche Wirkung. Dies, obschon sich chronische Schmerzen häufig jeglichen Therapieversuchen widersetzen, und auch dieses Programm die Schmerzen nicht wegzuzaubern vermag. Eine Mehrheit der Teilnehmenden kann nach der Schulung wieder aktiver am Leben teilnehmen. Einige nehmen sogar ihre Arbeit teilweise wieder auf, die sie wegen den Schmerzen aufgeben mussten. Allgemein sprechen sie von einem besseren Lebensgefühl, was schliesslich dazu führt, dass sie weniger Medikamente benötigen und weniger oft zum Arzt gehen.

 

 

Massgeschneiderte Schulung

 

Manche Patientenschulung leidet jedoch an ihrer zu geringen Nachhaltigkeit. Bisweilen nehmen die erzielten Gesundheitsverbesserungen nach dem Kursende bald wieder ab. Karin Niedermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Physikalische Medizin der Rheumaklinik des Unispitals Zürich forscht daran, wie sich eine bleibende Verhaltensänderung erzielen lässt. Denn nur eine solche vermag die Lebensqualität auf Dauer zu verbessern. „Standardprogramme gehen davon aus, dass sich alle Patienten in derselben Situation befinden“, sagt Karin Niedermann. "Doch Krankheitsbild, Krankheitsdauer, Wissenstand und Therapieerfahrung können stark variieren."

         Das heisst: Nicht jeder ist zum Zeitpunkt der Schulung gleich handlungsbereit. Man weiss zwar beispielsweise, dass Rauchen ungesund ist, aber damit aufzuhören geht (noch) nicht. Man weiss zwar, dass bei Rheuma Bewegung gesund ist, aber trotzdem tut man es nicht. Hier braucht es nicht mehr Wissen, sondern Motivationsarbeit und Unterstützung bei der Verhaltensänderung. Gemäss diesem Ansatz muss eine Schulung bei jedem woanders ansetzen. Karin Niedermann will nun diese individualisierte Form der Patientenschulung testen. Im Rahmen eines ergotherapeutischen Programms sollen Patienten mit rheumatoider Arthritis lernen, wie sie ihre Gelenke besser schützen können - und dies nicht nur im Moment des Kurses, sondern eben auch längerfristig.

 

 

Früh einsetzen

 

Am Kantonsspital Basel exstieren Anschlussprogramme, damit die gesundheitlichen Verbesserungen beibehalten werden können - so unter anderem  eine Feldenkrais-Gruppe. Ausserdem besteht die Möglichkeit, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschliessen. Brigitta Wössmer ist grundsätzlich vom Nutzen der Patientenschulungen überzeugt, mahnt jedoch: „Die Schulungen sollten früher einsetzen, bevor das Verhalten der chronisch Leidenden bereits zementiert ist und Veränderungen immer schwerer fallen."

 

 

Weiterführende Informationen:

 

- Kantonsspital Basel, Abt. für Psychosomatik Dr. phil. Brigitta Wössmer, 061 265 20 47. Sekretariat 061 265 20 47.

http://www.kantonsspital-basel.ch

 

- Fran London: Patientenedukation, aus dem englischen von Silke Hinrichs, Angelika Zegelin-Abt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, August 2003

 

- Regine Lamparter-Lang (Hrsg.), Patientenschulungen bei chronischen Erkrankungen, Verlag Hans Huber, 1997