Erscheinungsort:         Tages-Anzeiger

Erscheinungsdatum:    28. Januar 2004

 

 

Wissen im Buch

Pflegende als Pädagogen und Trainer

 

Patientenschulung erleichtert nicht nur Patienten und Pflegenden das Leben, sondern senkt auch die Kosten. Ein Praxishandbuch sagt wie.

 

Stefan Müller

 

Patientenschulung gehört eigentlich zum Berufsbild der Krankenpflege wie das Skalpell zum Chirurgen. Allerdings spürt man als Patient oftmals wenig davon, wenn, dann eher zufällig und beiläufig. Die chronische Zeitnot des Pflegepersonals drängt alles nicht gerade Lebensnotwendige in den Hintergrund. Dabei nützt gut eingesetzte Patientenschulung sowohl den Pflegenden als auch den Patienten. Wo solche Schulungen schon funktionieren, zeigen sich in der Regel beide Seiten zufrieden. In Schulungsgruppen üben etwa Diabetespatienten Insulin zu spritzen und Blutzucker zu messen. Oder Rheumabetroffene bekommen ein Turnprogramm vermittelt, das sie zu Hause selbstständig durchführen können.

    Grösseres Krankheits- und Behandlungswissen verhilft nicht nur zu mehr Selbstständigkeit, sondern bringt weit mehr. Gezielte Schulung senkt nämlich gemäss manchen Studien das Risiko von Rückfällen, vermindert Krankenhauseinweisungen oder stationäre Behandlungszeiten, reduziert den Medikamentenkonsum und die Zahl der Arztbesuche sowie krankheitsbedingte Arbeitsausfälle. In einer US-amerikanischen Studie wurde gar errechnet, dass die Schulungskosten durch mindestens dreimal höhere Einsparungen an Krankheitskosten wettgemacht würden.

 

"Killerargument" Zeitmangel

 

Diese Erkenntnis motivierte die US-amerikanische Pflegeexpertin Fran London, ein Praxishandbuch für Pflegende zu schreiben: Sie geht davon aus, dass effiziente und systematische Patientenschulung dem Patienten zu einem besseren Gesundheitsverhalten verhilft. Die Pflegeexpertin schreibt ihr Lehrbuch konsequent aus der Praxis für die Praxis. So geht sie ausführlich auf den chronischen Zeitmangel in der Pflege, das „Killerargument“ für jegliche Neuerungen, ein. Mit zahlreichen Beispielen zeigt sie anschaulich auf, wie Pflegefachleute mit Beratung Zeit einsparen und zugleich wieder welche für die Beratung zu gewinnen vermögen.

 

Beratungsziele festlegen

 

Als Erstes hat das Pflegeteam gemeinsam mit dem Patienten die Beratungsziele festzulegen. Für den Diabetespatienten heisst dies etwa: Aufklärung über krankheitsspezifische Ernährung und Handhabung der Insulinspritze. Der Patient fühlt sich dadurch ernst genommen. Das bedeutet für die Pflegenden jedoch, auf die Anliegen des Patienten einzugehen und diesem zuzuhören, was in der Alltagshektik gewiss nicht immer einfach ist. Doch nur so vermag der Patient voll zu kooperieren, eine elementare Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.

    Die Autorin bevorzugt individuelle Beratungen, weil sie gezielter sind. Gruppenschulungen erachtet sie da als angebracht, wo es sich um die Vermittlung allgemeiner Lebenskompetenzen handelt wie zum Beispiel Geburtsvorbereitung, Erste-Hilfe-Ausbildung oder Herzrehabilitation. Hier lässt sich einwenden, dass London den Selbsthilfe-Aspekt von Gruppenschulungen unterschätzt. Die Schulungsteilnehmenden können nämlich gegenseitig von den Erfahrungen der anderen profitieren.

    Damit das Pflegeteam jederzeit weiss, wo man bei den einzelnen Patienten mit einer Beratung steht – wann ein Merkblatt abgegeben oder ein Video gezeigt wurde -, legt die Autorin Wert auf eine fein säuberliche Dokumentation. So lässt sich ausserdem gegenüber den Vorgesetzten und den Geldgebern den Nutzen und den Aufwand solcher Schulungen belegen. Fran London ist überzeugt, dass das, was zunächst nach Mehrarbeit aussieht, sich schliesslich ausbezahlt und Erleichterung für alle Beteiligten bringt.

Fran London: Informieren, Schulen, Beraten. Praxishandbuch zur pflegebezogenen Patientenedukation. 2003, 352 Seiten, Fr. 67.00, Verlag Hans Huber, Bern Göttigen Toronto Seattle