Erscheinungsort:         SonntagsZeitung

Erscheinungsdatum:    27. April 2003

 

 

Patienten drücken die
Schulbank

 

Gruppenunterricht fördert die Gesundheit und senkt die Krankheitskosten – die Bedeutung wird noch unterschätzt.

 

Stefan Müller

 

Früher bedrohten Pest und Cholera die Menschheit, heute sind es chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Rheuma. Durch ihr langsames Fortschreiten wirken sie zwar weniger dramatisch als die alten Seuchen, verursachen aber nicht über viele Jahre hinweg ebenso viel Leid – und Kosten.

Kein Wunder also, dass sich weltweit die Gesundheitssysteme – inzwischen unterstützt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – auf die veränderte Situation einstellen: So fassen Schulungsprogramme immer mehr Fuss, in denen die betroffenen Patienten lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen und Folgeschäden möglichst zu vermeiden.

Auch in der Schweiz gewinnen Patientenschulungen an Bedeutung: So bieten manche Rehabilitationskliniken, Gesundheitsligen, Patienten- oder Selbsthilfeorganisationen Kurse an, in denen etwa Diabetiker oder Schmerzpatienten unterrichtet werden.

Allfit zum Beispiel, ein Projekt, das im Juli 2001 vom Umwelt- und Gesundheitsdepartement der Stadt Zürich zusammen mit verschiedenen Gesundheitsorganisationen lanciert wurde. Die Allfit-Gruppenschulungen richten sich an ältere Menschen mit Diabetes, Herzschwäche, Rheuma oder Lungenkrankheiten. Die Teilnehmer – bis zu fünfzehn pro Gruppe – gehen einmal wöchentlich in die Gymnastik und werden mindestens zweimal individuell beraten. Zusätzlich besuchen sie an neun Abenden spezifische Schulungsgruppen, wo etwa Insulin spritzen oder Blutzucker messen geübt wird.

Die Kombination von Fitnesstraining und Schulung kommt gut an. «Die Zufriedenheit unter den Teilnehmern ist gross», sagt Esther Baldegger, Projektleiterin und Pflegeexpertin. «Die Schulung führte bei vielen zu einer Stabilisierung oder Verbesserung der Gesundheit.» Auf Grund der erfreulichen Ergebnisse hat man das Projekt – bis Ende 2002 wurden rund 150 Personen geschult - um zwei Jahre verlängert.

Als erstes hatten Studien aus den USA, wo Patientenschulungen bereits in den Siebzigerjahren aufkamen, den Nutzen solcher Programme belegt. Gezielte Aufklärung kann etwa Krankenhauseinweisungen oder stationäre Behandlungszeiten verringern. Zudem reduzieren sie krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, Arztbesuche und den Medikamentenkonsum.

 

 

Es nehmen viel zu wenige Leute an den Schulungen teil

 

Damit vermögen Schulungsprogramme die Kosten im Gesundheitswesen zu senken. So errechnete Edward Bartlett 1995 in einer US-amerikanischen Studie bei verschiedenen Krankheiten, dass die Schulungskosten durch mindestens dreimal höhere Einsparungen an Krankheitskosten wettgemacht werden.

In der Schweiz hat kürzlich der Zürcher Ärzteverbund Medix eine Untersuchung bei 17 Patienten mit einer Herzschwäche, die sich einer gezielten Schulung unterzogen, durchgeführt. Das Resultat ist bemerkenswert: Die Teilnehmer konnten nach Abschluss des Kurses ihre Krankheit grösstenteils selbstständig überwachen, was beachtliche Einsparungen mit sich brachte. Dem Schulungsaufwand von 1600 Franken pro Teilnehmer standen jährliche Einsparungen von 4400 Franken an Spitalkosten gegenüber.

Am Nutzen zweifelt Medix-Arzt Andreas Weber indes auch nicht mehr. Er sieht ein anderes Problem: Viel zu wenige Leute nehmen an den Gruppenschulungen teil. Einen Grund dafür sieht er bei seinen Berufskollegen, die mitunter keinen Bedarf für eine Schulung sehen.

Ausserdem ist eine Schulung nicht gleich Schulung. Dass viele Initiativen am erklärten Ziel einer Verhaltensänderung beim Patienten scheitern, erklärt Karin Niedermann, Physiotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zürcher Unispital, damit, dass die Programme sich oft auf reine Wissensvermittlung beschränken: «Aber mehr Wissen allein verändert das Verhalten nachweislich nicht.» Zudem vergessen die Teilnehmer das Vermittelte vielfach rasch wieder. Die Schulungen müssten deshalb auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sein und seine aktuelle Lebenssituation sowie persönliche Ressourcen berücksichtigen.

Verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Programme, in denen nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch gesundheitsfördernde Verhaltensweisen mit psychologischer Hilfe trainiert werden, erweisen sich hinsichtlich einer Verhaltensänderung als viel versprechend.

Neben Überzeugungsarbeit braucht es aber auch Geld. Schulungsprogramme kosten, vor allem, wenn Sie von Fachleuten geführt werden. Für das Zürcher Allfit haben die Teilnehmer je 300 Franken bezahlt. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten solcher Programme bislang nicht.

 

 

Kontaktadressen:

 

Weiter Informationen können unter folgenden Adressen angefordert werden:

 

Ø       Allfit, c/o: Spitex Schwamendingen, Friedrichstrasse 9, 8051 Zürich, Tel 01 325 40 38, www.sad.stzh.ch

Ø       Swiss Olympic Association. Mit dem Projekt „Allez-Hop!“ sollen Inaktive motiviert werden, Sport zu treiben. Kontakt: Laubeggstrasse 70, Postfach 202, 3000 Bern, Tel 031 359 71 11, www.allezhop.ch

Ø       Schweizerische Adipositas-Stiftung, Stadelhoferstrasse 40, 8001 Zürich, Tel 01 251 54 13, www.spas.ch