Erscheinungsort:         Tages-Anzeiger

Erscheinungsdatum:    21. April 2004

 

 

Mit Vitaminen gegen die Sehschwäche im Alter

 

Die altersabhängige Makuladegeneration lässt sich mit einem
Antioxidanzien-Cocktail möglicherweise bremsen

 

Stefan Müller

 

Ein Jahr ist vergangen, seit Doris K. feststellte, dass sie Mühe hat beim Lesen. Inzwischen kann die 70-Jährige gar nicht mehr lesen. Sie sieht auch keine Farben mehr. Die Welt um sie herum wurde ziemlich dunkel.

         Doris K. leidet an einer altersabhängigen Makuladegeneration im Spätstadium, eine der häufigsten Augenerkrankung bei alten Menschen in der westlichen Welt. Weil sich die Zahl der 80-Jährigen in den nächsten zehn Jahren verdoppeln wird, stellt diese Form der Makuladegeneration ein erhebliches sozialmedizinisches Problem dar.

        Eine wirksame Therapie lässt bislang auf sich warten. In Einzelfällen helfen Medikamente oder eine Laserbehandlung, den Schaden zu begrenzen. Viel versprechend dagegen sind neuere Untersuchungen mit Vitaminen und Spurenelementen. Maneli Mozaffarieh und ein Team von der Uni Wien kommen nach der Durchsicht bisherigen Studien zum Schluss, dass mit Vitaminen das Auge möglicherweise geschützt werden kann. Die Karotinoide Lutein und Zeaxanthin spielen dabei eine wichtige Rolle. Als so genannte Antioxidanzien fangen sie freie Radikale ein, aggressive, frei zirkulierende Moleküle. Die Antioxidanzien behindern damit deren zerstörerisches Werk. Sie schützen die Makula, jenen Teil der Netzhaut, der  für das scharfe Sehen verantwortlich ist, auf zwei Wegen: Zunächst absorbieren sie das schädliche kurzwellige UV-Licht, bevor es die Sehzellen auf der Netzhaut erreicht. So vermeiden sie bereits die Entstehung von freien Radikalen. Sind doch welche entstanden, machen sie diese in einem zweiten Schritt unschädlich.

 

 

"Natürliche" Sonnenbrille

 

Lutein und Zeaxanthin haben in der Makula ihre höchste Konzentration und geben ihr das typische gelbe Aussehen, das makuläre Pigment. Sie wirken wie eine „natürliche Sonnenbrille“ gegenüber Lichtschäden. „Ein erniedrigter Gehalt an makulärem Pigment könnte mit einem erhöhten Risiko einer Makuladegeneration einhergehen“, sagt Sebastian Wolf von der Klinik für Augenheilkunde der  Uni Leipzig. „Wir hoffen nun, mit gezielter Ernährung diesen Gehalt wieder zu erhöhen. Doch das Bedarf noch weiterer Forschung.“ Wolf befasst sich seit Jahren schwerpunktmässig mit der Erforschung der Makuladegeneration, insbesondere mit dem makulärem Pigment.

 

 

Gute Quote für Präventivmedizin

 

Dass man mit Ernährung den generellen Verlauf der Erkrankung beeinflussen kann, ist indessen seit der US-amerikanischen AREDS-Studie im Jahr 2001 bekannt. An der nach wie vor anerkannten, placebokontrollierten Untersuchung nahmen 3700 Männer und Frauen im Alter zwischen 55 und 80 Jahren teil. Sie schluckten während sieben Jahren einen hoch dosierten Vitamin- und Spurenelementecocktail: Vitamin C und E, Beta-Karotin, Zink und Kupfer.

        Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick nicht atemberaubend. Acht von Hundert haben von der Einnahme profitiert, vor allem stark Betroffene. Der Sehverlust verzögerte sich im Durchschnitt um 19 Monate. Augenarzt Horst Helbig, der am Uni-Spital Zürich diesen Cocktail verordnet, rückt die Ergebnisse ins richtige Licht: „Das ist für Präventivmedizin eine gute Quote.“ Sebastian Wolf gibt ausserdem zu bedenken, dass eine „geringfügige“ Verbesserung für einen alten Menschen eine andere Bedeutung habe als für einen jungen. Kritiker werfen allerdings angesichts solch aufwändiger Ernährungsstudien die Frage auf, ab wann man eigentlich den natürlichen Alterungsprozess einfach zu akzeptieren hätte.

Messbare Wirkungen zeigt die Vitaminbehandlung frühestens nach fünf Jahren. Einzige Einschränkung: Wegen des erhöhten Risikos für Lungenkrebs eignet sie sich nicht für Raucher.  Die einfachste und billigste Prophylaxe für Alt und Jung ist indes: gesunde und vitaminreiche Ernährung und eine Sonnenbrille auf die Nase.

 

 

 

 

Kasten

 

Stäbchen und Zapfen der Makula

 

Die Makula, auch gelber Fleck genannt, ist ein kleiner Bereich in der Netzhaut des Auges. Diese trägt zwei Arten von Lichtrezeptoren: Stäbchen und Zapfen. Stäbchen ermöglichen das Dämmerungssehen, Zapfen das farbige Sehen am Tag, das Erkennen feiner Unterschiede und das Lesen. Da die meisten Zapfen im Bereich der Makula liegen, ist dies auch die Stelle des schärfsten Sehens.

        Mit dem Älterwerden lagern sich in der ganzen Netzhaut Stoffwechselprodukte ab, insbesondere in der Makula. Teile der Netzhaut beginnen allmählich abzusterben. In der Folge gehen  die Fotorezeptoren zu Grunde und die Sehschärfe nimmt ab. Makuladegeneration macht in der Regel nicht blind. Die Raumorientierung bleibt erhalten. Man unterscheidet zwischen der selteneren, feuchten und der trockenen Form der Makuladegeneration. Die feuchte verläuft meist schnell und dramatisch, im Gegensatz zur trockenen Form, die über viele Jahre langsam fortschreitet.

        Über die Ursachen tappen die Forscher weit gehend im Dunkeln. Neben genetischen Faktoren begünstigen Sonnenlicht, Ernährung, Herzkreislauf-Erkrankungen und Rauchen die Degeneration.

 

 

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