Erscheinungsort:         NZZ

Erscheinungsdatum:    19. Juli 2003

 

 

Eine Getriebefabrik zieht ins Exil

 

Produzieren und zügeln – kein leichtes Unterfangen

 

Die traditionsreiche Getriebefabrik Maag Gear verlegt ihre Produktion nach Oberwinterthur. Sie erhofft sich dort mehr Perspektive als in Zürich, wo sich das Unternehmen nicht mehr erwünscht fühlt. Der Umzug einer Fabrik mit 225 Mitarbeitenden und einem grossen Maschinenpark ist jedoch kein leichtes Unterfangen.

 

Stefan Müller

 

Mitten in der grossen Werkhalle - es riecht streng nach Öl und Metall - steht der letzte Rest der SH 450. Die 50 Tonnen schwere Werkzeugmaschine hobelte einst rund um die Uhr stählerne Zahnräder von bis zu fünf Metern Durchmesser auf Hundertstelmillimeter genau. Die im typischen Maschinengrün gespritzte SH 450 sucht ihresgleichen in der Schweiz. Doch jetzt steht nur noch das „Bett“ des Kolosses da, traurig und verloren. Das massive Betonfundament kommt nach Jahren der Versenkung wieder zum Vorschein. Der letzte Rest der Hobelmaschine wartet darauf, ebenfalls abgebaut und in den bereit stehenden Tieflader verfrachtet zu werden. Die ehrwürdige SH 450 tritt ihre Reise gleichermassen unfreiwillig an wie ihre Herstellerin und Besitzerin, die traditionsreiche Zürcher Getriebefabrik Maag Gear. Die inzwischen zum mächtigen, dänischen Zementkonzern FLSmith gehörende Firma zieht von ihrem angestammten Platz in Zürich weg. Die Zahnräder und Getriebe für Zementmühlen, Kraftwerke, Schiffe und sogar für Raketen wie die Ariane 4 - mit Gewichten bis zu 180 Tonnen - sollen künftig auf dem Sulzer-Areal in Oberwinterthur hergestellt werden. „Wir verlassen das Maag-Areal nur, weil Zürich keine Industrie mehr will“, ereifert sich Urs Schmid, Leiter Einrichtungen bei Maag Gear.

Die neue Bau- und Zonenordnung, die sich die Stadt Zürich unlängst gegeben hat, öffnet die reinen Industriezonen weitgehend für Dienstleistungen. Dies hat ganze Stadtteile wie Zürich West, wo das Maag-Areal liegt, fundamental verändert. Fazit: Der Niedergang der Industrie beschleunigte sich rasant. Entweder wurde diese liquidiert oder ausgelagert. Das industrielle Erbe trat zunächst eine bunte Schar von Kultur- und Kunstschaffenden sowie eine ganze Reihe von Party-, Musical- und Theaterlokalen an. Viele Kleingewerbler witterten die Gunst der Stunde und liessen sich in den attraktiven Industriebrachen nieder. Zürich West mutierte zum eigentlichen Trendquartier. Doch das soll nur eine Zwischenepisode bleiben. Höhere Weihen warten - Nutzungen, die mehr Gewinn abwerfen und damit die Bodenpreise in die Höhe treiben. Grossüberbauungen schiessen überall aus dem Boden. Teure Geschäftsräume, exklusive Lofts, Einkaufszentren und als Krönung in wenigen Jahren ein topmodernes Fussballstadion.

Diese Entwicklung macht dem faktisch letzten Industrieunternehmen auf Zürcher Boden den Garaus. So auch Maag Gear und Maag Pump Systems, gleichfalls eine Erbfolgerin der ehemaligen Maag Zahnräder (vgl. Kasten).

 

 

Die Kunst des Synchronen

 

Doch jetzt hat der energische Urs Schmid, der seit 1979 Maag die Stange hält, keine Zeit, der Vergangenheit nachzutrauern. Der Umzug seines Betriebes nimmt ihn voll in Anspruch. Wieso wurden gestern die PC nicht nach Winterthur geliefert? Wo sind die Wasserspender geblieben? Wo das WC-Papier und die Seifen? Alles Fragen von Mitarbeitern, die beim Gang durch die lärmende Fabrikhalle auf ihn einprasseln. Wichtiges, Unwichtiges. Alles will eine sofortige Antwort. Urs Schmid muss voll auf Draht sein.

Die Verlegung einer Maschinenfabrik in der Grösse von Maag Gear mit 225 Beschäftigten und einem immensen Maschinenpark ist eine knifflige Aufgabe, insbesondere wenn die Produktion unablässig weiterläuft und die Kunden nichts merken sollen. Bis Ende August will Urs Schmid und ein 14-köpfiges Projektteam den Spuk über die Bühne gebracht haben. Mit der aufwändigen Planung begannen sie bereits drei Jahre früher, als klar wurde, dass der bis 2004 laufende Mietvertrag auf dem Maag-Areal nicht erneuert konnte – nicht nur der hohen Mietkosten wegen, sondern auch, weil die Vermieterin Maag Holding eine Grossüberbauung plant. Die Suche nach einem alternativen, bezahlbaren Standort verlief sehr harzig, zumal das dänische Mutterhaus entschied: Es gibt keinen Neubau. Die Odyssee führte von Zug über Schaffhausen bis nach Oberwinterthur. Hier fand man auf dem ehemaligen Sulzer-Areal den geeigneten Standort. Und auch einen Kran, der 100 Tonnen zu heben vermag - eine Seltenheit. Der hemdsärmlige Hans Knudsen, Geschäftsführer Maag Gear, ist mit seiner Trouvaille in Oberwinterthur zufrieden: „Wir mussten zwar die Produktionsfläche um einen Drittel verkleinern, auf 6000 Quadratmeter. Dafür ist die Miete ebenfalls um einen Drittel billiger.“

Der Tieflader fährt mit seiner diffizilen Fracht in Oberwinterthur ein. Unverkennbares Industriegebiet. Fabrikschlote, weitläufige Fabrikations- und Lagerhallen, Batterien von Silos, Verwaltungsbauten, dazwischen immer wieder Ödland und Bahngeleise. Doch die Geschäftigkeit von einst, als hier über sechstausend Menschen arbeiteten, ist heute - mit zwei Dritteln weniger Werktätigen - einer fast beschaulichen Ruhe gewichen. Lärmige, dreckige Industrie gibt es heute nicht mehr. Die gewerblichen, dienstleisterischen und High-Tech-Nachfolger gehören zur stillen, sauberen Sorte. Inmitten von verlassenen Hallen und überwachsenen Geleisen drängen sich unwillkürlich Bilder vergangener Industrietage auf.

 

 

Staubfrei produzieren - Balanceakt

 

Hans Baumgartner wartet indessen gespannt auf das, was kommt. Bei ihm laufen alle Fäden des Umzugs auf der Geschäftsleitungsebene zusammen. Geschäftig begleitet er den Besucher durch die neu bezogenen Produktionshallen mit der Grundfläche zweier Fussballfelder und der Höhe eines fünfstöckigen Hauses. Baulärm, Stimmen und das dumpfe Laufgeräusch einer Gehäusebearbeitungsmaschine erfüllen die Räume, nur leicht gedämpft durch die Holzbeton-Böden. „Produktion, Umbau und Umzug müssen parallel ablaufen“, betont Hans Baumgartner. Sobald allerdings die Hochpräzisionsmaschinen wie zum Beispiel die SH 450 zum Einsatz kommen, darf es keinesfalls mehr Baustaub geben. Eigens dafür musste Baumgartner einen Securitas-Wächter anstellen, der den ganzen Tag darauf achtet, dass niemand Staub produziert.

Arbeiter entladen den Tieflader. Mit einem Kran dirigieren sie die Maschinenteile an ihren künftigen Standort. Das Betonfundament ist bereit, es muss höchsten Ansprüchen genügen. Damit die tonnenschwere Maschine präzis wie eine Quarzuhr arbeitet, muss das Fundament absolut erschütterungsfest sein. 200 Kubikmeter Beton, verstärkt mit faustdicken Drahtseilen, waren dafür nötig. Jede grössere Maschine braucht einen solchen Sockel, unabhängig davon, ob sie Zahnräder hobelt oder schleift, Gehäuse bearbeitet, Werkstücke dreht oder bohrt. Dutzende sind es.

Weil jedoch in Winterthur weniger Raum zur Verfügung steht als in Zürich, musste man sich vorgängig von bewährten Maschinen trennen. „Das war eine harte Ausmarchung“, erinnert sich Projektleiter Baumgartner. Begleitet war sie von schmerzlichen Fragen: Welche Produktionsbereiche lagern wir aus, etwa zu unserer Tochter nach Polen, welche behalten wir? Fragen von existenzieller Natur. Besser weniger behalten, dafür überleben, hiess die Maxime. Immerhin musste trotz  Maschinenabbau kein Personal abgebaut werden.

 

 

„In Winterthur haben wir eine Zukunft“

 

Eine Crew im roten Overall - Mechaniker, Elektroniker, Elektriker und Hilfsarbeiter – nimmt sich der Lieferung an. Mit dem Kran zirkeln sie zuerst das Maschinenbett auf den Betonsockel. Laser und Wasserwaage helfen, dieses zu auszurichten. Anschliessend setzen sie den Ständer mit dem Hobelkamm, der das Zahnrad schneidet, auf. Und schliesslich positionieren sie die Aufspannplatte, worauf der Rohling, das zukünftige Zahnrad, zu liegen kommen soll. Für den gesamten Auf- und Abbau benötigen die Männer strenge sieben Wochen.

            Nun steht die SH 450 wieder in alter Würde vor uns. Der Testlauf steht an. Die computergesteuerte Maschine arbeitet seit ihrer Inbetriebnahme vor mehr als zehn Jahren praktisch störungsfrei. Findet sie in Winterthur eine Umgebung, wo sie nochmals solange klaglos ihr Werk verrichten kann? „Hier in Winterthur haben wir Zukunft“, ist Geschäftsführer Knudsen überzeugt. Der fünfzehnjährige Mietvertrag und die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Winterthur seien bereits gute Voraussetzungen. Ausserdem hätten sie den Umzug genutzt, den Betrieb besser einzurichten und so den Output zu verbessern. Sagt es und trommelt ungeduldig mit seinen Fingern auf den Tisch.

Einziger Wermutstropfen für den Betrieb: die Umzugskosten von rund 10 Millionen Franken, die fast einen Zehntel des Umsatzes ausmachen. „Es dauert Jahre, bis diese Kosten amortisiert sind“, sagt Projektleiter Baumgartner. Er beabsichtigt, einen Teil dieser Kosten bei der Stadt Zürich einzufordern. Wegen der Umzonung, die die Industrie zum Wegzug zwang, könne die Stadt Zürich vielleicht entschädigungspflichtig gemacht werden, begründet er seine Absicht.

Dunkle Wolken am Horizont sieht der SMUV-Gewerkschafter Kaspar Wohnlich aufziehen. Rund zwei Drittel der Mitarbeitenden haben nämlich einen bedeutend längeren Arbeitsweg. Wenn sich Maag nicht kulanter zeige, drohen bei einer Entspannung des Arbeitsmarktes negative Folgen. Ein kräftiger Aderlass könnte nämlich den Betrieb gefährden. Baumgartner dagegen, der selbst täglich von Biel nach Winterthur pendelt, glaubt das nicht. Die meisten würden bleiben, zumal alle ein kantonales Jahresabo für den öffentlichen Verkehr und ein Streckenabo vom Wohnort bis zur Kantonsgrenze finanziert bekommen. Zudem biete Maag gute Anstellungsbedingungen.

Die SH 450 hat ihren mehrtägigen Testlauf erfolgreich bestanden. Urs Schmid und seine Leute atmen auf. Die Hobelmaschine geht wieder in Produktion. Der Hobelkamm beisst sich in alter Frische in den harten Stahl des Rohlings und wirft wieder Späne. Hoffentlich noch lange. (mü) 

 

 

Kasten

 

Vom Zahnrad zur Immobilie

 

Max Maag begründete die 75-jährige Geschichte des Industrieunternehmens Maag Zahnräder, indem er 1908 ein neues Verfahren für die Herstellung von Zahnrädern entwickelte. Bis Ende der siebziger Jahre erlebte das Unternehmen eine ungebrochene Prosperität. Neben Zahnräder stellte es hauptsächlich Werkzeugmaschinen, Getriebe und Pumpen her. 1980 beschäftigte die Unternehmensgruppe Maag weltweit 2500 Mitarbeitende, 1300 davon in der Schweiz, und machte einen Umsatz von 200 Millionen Franken. Dann folgte das Trauerspiel. Durch Konjunktureinbrüche und Managerfehler schaffte sich Maag Zahnräder innert weniger Jahre selbst ab. Bis 1995 mutierte der einst stolze Industriebbetrieb zur Immobilienfirma, frei von sämtlichen Industrietätigkeiten. Unter neuen Besitzern haben vorläufig einzig die beiden Bereiche Pumpen, Maag Pump Systems AG, und Getriebe, Maag Gear AG, überlebt. (mü)