Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    20. Februar 2005

 

 

Hunger leiden im Spital

 

Eine Studie zeigt: Zu viele Patienten werden falsch ernährt

 

Stefan Müller

 

Eine genügende und gesunde Ernährung verschafft uns einen gesunden Körper – eigentlich eine Binsenwahrheit. Doch dieser essenzielle Zusammenhang wurde in Spitälern, Pflegeheimen und Altersheimen lange verkannt. Trotz den immer exklusiveren und individuelleren Spitalgastronomien bringt eine laufende Schweizer Studie unerfreuliche Tatsachen ans Tageslicht: Fast jeder fünfte Patient ist beim Spitaleintritt ebenso wie beim -austritt schwer mangelernährt.

    Diese Zwischenergebnisse präsentierten jüngst die Autoren des Projekts "Unternährung im Spital / Ernährung des Spitalpatienten". Insgesamt sieben Spitäler sind daran beteiligt: die Spitäler Winterthur, Zimmerberg, Zollikerberg und Uster aus dem Kanton Zürich, das Kantonsspital Nidwalden in Stans, das Spital Altstätten im St. Galler Rheintal sowie die Universitätsklinik Liestal. Im Rahmen der Studie wurden über 10'000 Patienten während eines Jahres untersucht.  

 

Zu lange nüchtern

Im europäischen Vergleich liegt die Schweiz zwar am unteren Ende der Skala, die zwischen 20 bis 60 Prozent mangelernährter Patienten bei Spitaleintritt schwankt. Mangelernährung beschreibt einen Zustand, bei welchem ein Mangel, ein Exzess oder Ungleichgewicht in der Zufuhr von Energie (Kohlenhydraten, Fett), Proteinen (Eiweissen ) sowie Vitaminen und Spurenelementen besteht. Der Protein-Energie-Mangel, wie er im Fachjargon heisst, ist in der Tat längst bekannt. Wie die Schweizer Studie aber zeigt, haben die Spitäler das Problem noch bei weitem nicht im Griff. "Betroffen sind vor allem chronische kranke und ältere Menschen", sagt Studienleiter Reinhard Imoberdorf, Co-Chefarzt am Spital Winterthur. "Allerdings nicht nur, unsere Erhebung ermittelte auch fast zehn Prozent unter 45-Jährige, die stark unterernährt waren."

      Wie kommt es aber in reichen Ländern wie der Schweiz so weit?  Häufige Ursachen bei Menschen, die zu Hause leben, sind soziale Isolation und Einsamkeit. "Vergesslichkeit, Schmerzen, Kau- und Schluckbeschwerden tragen dazu", sagt Arianne Zahnd, Ernährungsberaterin am Kantonsspital Zug und Dozentin für klinische Ernährung an der Schule für angewandte Naturheilkunde in Zürich. Im Spital andererseits bekommen viele  Patienten nicht genügend Nährstoffe, weil ihnen zu lange nüchterne Phasen vor der Operation verordnet werden - durch Medikamente, die den Hunger hemmen; durch Schmerzen oder durch zu lange Aufbauphasen nach Operationen.

     Ungenügende Ernährung und Erkrankung beeinflussen sich gegenseitig negativ, ein Teufelskreis. Immer mehr Untersuchungen bestätigen diese unheilvolle Allianz. Nur schon die die normale Nüchternphase vor einer Operation, so Imoberdorf, habe auch bei gut Ernährten zur Folge, dass der Stoffwechsel empfindlich gestört werde, etwa der des Insulins oder Stickstoffs, was den Heilungsprozess nach dem Eingriff verzögere. Schon ein Traubenzucker-Drink vor der Operation könne dagegen die Spitalaufenthaltsdauer verkürzen.

    Reicht die Zufuhr an Nährstoffen nicht aus, zieht dies sämtliche Körperfunktionen in Mitleidenschaft: das Herz-Kreislaufsystem, die Atmung, das Magen-Darm-System, die Wundheilung, das Nervensystem und nicht zuletzt auch die Immunabwehr, was das Infektionsrisiko zusätzlich erhöht.

 

Zur Not eine Magensonde

Die schwierige Frage lautet nun: Wie lässt sich dieses weit verbreitete Problem der Mangelernährung angehen? Imoberdorf schlägt vor, gleich bei Spitaleintritt systematisch mittels eines einheitlichen Fragenbogens den Ernährungszustand der Patienten abzuklären. In einem nächsten Schritt muss eine detaillierte Analyse der Ernährung die Art des Mangels nachweisen. Jetzt kann die individuelle Ernährungstherapie festgelegt werden: die Zusammensetzung der Ernährung und die Verabreichungsform. Falls sich jemand nicht mehr natürlich ernähren kann, stellt sich die Frage: Soll die Nahrung via einer Magensonde oder über die Venen zugeführt werden? "Die Magensonde bietet den Vorteil, dass die Darmfunktion erhalten bleibt und dem normalen physiologischen Weg entspricht", sagt Arianne Zahnd.

    Im Idealfall würde sich an der Ernährungstherapie ein interdisziplinäres Team beteiligen, bestehend aus Ernährungsberaterinnen, Pflegenden, Ärzten und Spitalapothekern, so die Vorstellungen von Imoberdorf. Weiter will der Arzt ein Netzwerk mit Praktikern aufbauen, damit die Ernährungsweise schon zu Hause verbessert werde. "Selbst wenn 'grosse' Studien über die beste Ernährungsweise noch fehlen – Hauptsache, wir lassen die Patienten nicht hungern", meint der Arzt Imoberdorf.