Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    13. Juli 2003

 

 

Gingko hilft auch bei mangelnder Lust auf Sex

 

Der Extrakt aus dem chinesischen Fächerbaum lindert die
lusttötende Wirkung von Antidepressiva

 

Stefan Müller

 

Wer sich bis anhin mit Antidepressiva behandeln liess, musste als Nebenwirkung sexuelle Probleme in Kauf nehmen. Ginkgo biloba, der chinesische Fächerbaum, verspricht nun Abhilfe. In einer vorläufigen Studie wies Alexandra Delini-Stula und ein Team von der Basler Uni nach, dass Ginkgo sexuell stimulierend wirkt.

An der Untersuchung, die das Terrain für eine breitere Studie ebnen sollte, beteiligten sich 37 Männer und Frauen im Alter zwischen dreissig und sechzig Jahre. Alle Beteiligte litten unter einer mehr oder weniger starken Depression und wurden stationär oder ambulant seit mindestens zwei Wochen mit Antidepressiva behandelt. Die Beteiligung an der Studie setzte allerdings voraus, dass die Probanden ein aktives Sexleben und Symptome gestörter Sexualität aufwiesen. Diese Probleme mussten weiter mit einem mittelschweren bis schweren Leidensdruck und einer Beeinträchtigung der Lebensqualität verbunden sein. Beim eingesetzten Ginkgo handelte sich um ein standardisiertes, kassenzulässiges Extrakt. Die Probanden nahmen währende acht Wochen täglich vier Kapseln à 60 Milligramm ein.

Dreissig Prozent der Patienten und Patientinnen, die an der Untersuchung teilnahmen, stellten eine eindeutige Steigerung der sexuellen Funktionen fest (Libido, Antrieb/Verlangen, Lust auf Sex, Orgasmusfähigkeit). Bei zehn Prozent verbesserte sich die Libido spürbar, ebenso verringerten sich die Orgasmusschwierigkeiten. Rund jeder Dritte erlebte am Schluss der Behandlung drei bis fünfmal pro Woche Lust auf Sex, zu Beginn war es jeder fünfte. Fast vierzig Prozent der Probanden gewannen eine leichtere sexuelle Erregbarkeit zurück, und das sexuelle Verlangen steigerte sich zugleich bei mehr als der Hälfte von schwach bis mässig-schwach respektive mässig-stark. Das Ginkgo-Präparat verursachte kaum Nebenwirkungen, höchstens gelegentliche Magenverstimmungen. Delini-Stula, die am International Institute for Advancement of Drug Development (ADI) in Basel arbeitet, weist auf die Bedeutung der Studienergebnisse hin. „Ein gestörtes Sexualleben beeinträchtigt die Lebensqualität und gefährdet dadurch die Behandlung der Depression.“

Zudem leiden immer mehr Menschen an psychischen Störungen. So schlägt sich heute schon jeder Fünfte einmal in seinem Leben mit Depressionen, Angsterkrankungen oder Panik-Attacken herum, die einer Behandlung mit Antidepressiva bedürfen. Besonders Jugendliche bekommen diese Entwicklung verstärkt zu spüren. Antidepressiva sind heute eine ständig wachsende Medikamentengruppe mit einem zunehmend breiteren Anwendungsfeld. So setzt man sie vermehrt gegen Angsterkrankungen und chronischen Schmerzen ein.

Das pflanzliche, ebenso verträgliche wie kostengünstige Heilmittel Gingko kommt da wie gerufen, denn die Schulmedizin kann dem Libidoverlust durch Antidepressiva derzeit wenig entgegensetzen. Viagra fällt damit schon einmal vom Tisch. Die Umstellung auf ein anderes Medikament aus der Gruppe der Antidepressiva kommt im Übrigen nur selten in Frage, denn die meisten von ihnen wirken ebenfalls sexuell dämpfend oder dann beeinflussen sie die Grunderkrankung zu wenig. So wirken zum Beispiel Johanniskrautextrakte bei schweren Depressionen vielfach nur ungenügend.

Wie kam man überhaupt auf die sexuell stimulierende Wirkung von Ginkgo? Pharmakologin Alexandra Delini-Stula : „Durch zufällige Beobachtungen in geriatrischen Kliniken, wo Ginkgo wegen seiner positiven Wirkungen auf die Gehirnfunktionen angewendet wird. Hier reagierten nämlich die Männer mit einem gesteigerten Sexualtrieb.“ Daraufhin führten Forscher in den USA einige viel versprechende  klinische Untersuchungen durch. Aufgrund der guten Ergebnisse der Basler Studie fassen Alexandra Delini-Stula und ihre Mitarbeiter nun eine breiter angelegte Untersuchung ins Auge. (mü)

 

 

 

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