Erscheinungsort:         WochenZeitung

Erscheinungsdatum:    19. Januar 2006

 

 

Ein Fall für die Krankenkassen?

 

Verdauungsfördernde Jogurts oder cholesterinsenkende Margarinen spülen den Lebensmittelmultis viel Geld in die Kassen - aber nicht so viel wie erhofft. Sollen nun die Krankenkassen die Gewinne erhöhen?

 

Stefan Müller

 

Wie bequem wäre es, einseitige Ernährungsgewohnheiten zu korrigieren, ohne auf seine Leibspeisen verzichten zu müssen. Die Lebensmittelindustrie kommt jetzt diesem Wunsch in wachsendem Masse nach – Functional Food soll es richten, also Lebensmittel mit gesundheitlichem Zusatznutzen. So tröstet ein Pseudoschnitzel auf Sojabasis den Fleischliebhaber darüber hinweg, dass er das Fleisch zu Gunsten gesundheitsverträglicher Cholesterinwerte im Blut weglassen muss. Süssigkeiten, Müsliriegel oder Tiefkühlgemüse helfen gegen die Bildung von Blutgerinnseln oder Gefässschäden. Sie sind mit Vitamin E und C oder mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren angereichert. Zur gleichen Kategorie von Lebensmitteln zählen auch Säfte mit zusätzlichen Mineralien und Vitaminen oder Backwaren mit Folsäuren oder Omega-3-Fettsäuren.

 

Einträgliches Geschäft

Functional Food ist für die Lebensmittelmultis ein einträgliches Geschäft, aber nicht so lukrativ wie erhofft: „Der Trend, der vor fünf Jahren in der Luft lag, hat sich nicht bestätigt“, sagt Adrian Rüegsegger, wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Zentrum für Technologie-Abschätzung (TA Swiss), das im Auftrag des Bundes Chancen und Risiken neuer Technologien eruiert. Eine TA-Swiss-Studie ermittelte vor fünf Jahren einen Umsatz von rund 300 Millionen Franken respektive knapp ein Prozent des gesamten Lebensmittelmarktes für dieses Produktesegment. Jährliche Wachstumsraten von bis zu 20 Prozent wurden in Aussicht gestellt.

            Doch der Schweizer Konsument scheint gegenüber den versprochenen gesundheitlichen Effekten besonders skeptisch zu sein. Dies zeigt eine kürzlich publizierte Studie der Marktforscher von ACNielsen. Danach kaufen nur acht Prozent der Schweizer Functional Food, europaweit sind es elf Prozent und weltweit gar 19 Prozent.

            Gleichwohl sind einzelne Lebensmittelhersteller von ihren neuen Produkten so überzeugt, dass sie einen Beitrag von den Krankenkassen fordern. So sagte Emmi-Chef, Walter Huber, unlängst in einem Interview: Er sehe keinen Grund, weshalb seine Produkte, die nachweislich einen gesundheitlichen Zusatznutzen haben, nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen sein sollten. Im Übrigen habe er bereits die vierte Produktionsanlage für gesundheitsfördernde Jogurtdrinks in Betrieb genommen. Das Wachstum liege im zweistelligen Bereich.

            Emmi-Firmensprecher Stephan Wehrle doppelt nach: „Die Verwendung solcher Produkte wie diese Jogurtdrinks verstehen wir als präventive Massnahme, womit die Gesundheitskosten langfristig gesenkt werden können.“ Es sei volkswirtschaftlich sinnvoll, einen Anreiz zu schaffen, zum Beispiel bei einem leicht erhöhten Cholesterinspiegel statt teure Medikamente zu schlucken, einen ihrer gesundheitsfördernden Jogurtdrinks zu geniessen.

            Nestlé und Unilever, die ebenfalls Functional Food im Angebot haben, geben sich zurückhaltender. So schliesst sich Nestlé laut ihrem Mediensprecher Philippe Oertle nicht der Emmi-Forderung an, und für Anne Zwyssig von Unilever ist klar, dass es sich um eine gesundheitspolitische Frage handelt, die die Krankenkassen zu entscheiden haben. Novartis schliesslich hat sich soeben von ihrem Functional-Food-Segment definitiv verabschiedet, indem sie die Marken Ovo und Isostar verkaufte. Demgegenüber teilen die beiden Grossverteiler Migros und Coop mit, dass der Umsatz von Functional Food leicht zugenommen habe. Während Migros keine Umsatzzahlen publizieren will, nennt Coop für seine rund 45 Produkte einen Umsatz von etwa 50 Mio. Franken für 2004.

            In anderen europäischen Ländern haben sich die Nahrungsmittelkonzerne weniger Zurückhaltung auferlegt. So konnte beispielsweise Unilever Hollands grössten Krankenversicherer VGZ vom Nutzen seiner Cholesterin-senkenden Becel-Margarine überzeugen. Seit Anfang Jahr zahlt die Krankenversicherung, als erste europaweit, ihren 2,1 Millionen Versicherten jährlich 40 Euro Entschädigung, wenn sie eine solche Margarine im Supermarkt kaufen. Neben Becel verkauft Unilever unter anderem auch Produkte der Marken Knorr, Lipton oder Chirat.

 

„Keine politischen Chancen“

Kommt es in der Schweiz auch bald soweit, dass Krankenkassen Beiträge an Functional Food entrichten? Peter Marbet, Leiter Kommunikation von Santésuisse, räumt diesem Bestreben keine politischen Chancen ein. Die Forderung vom Emmi-Chef betrachtet er als „Marketing Gag“. Die politische Diskussion gehe in eine ganze andere Richtung und heisse „Sparen“. Das System in der Schweiz funktioniere ausserdem anders, betont Marbet. Er illustriert dies mit einem Beispiel: Der Patient müsste zum Arzt gehen, um sich beispielsweise einen Jogurtdrink verschreiben zu lassen, den er dann in der Apotheke beziehen könne. Die Arztkonsultation käme dabei auf 50 Franken zu stehen, während der Drink selbst drei Franken kostet. Das sei einfach absurd, kommentiert Marbet. Im Rahmen der Zusatzversicherungen stehe es den Kassen jedoch frei, solche Leistungen zu erbringen. Schon heute würden einzelne Kassen an Präventionsangebote wie Fitnesszentren einen Beitrag bezahlen. Die dabei abgebenen Gutscheine könnten theoretisch genauso gut für Functional Food verwendet werden.

            Für den FDP-Nationalrat und Präventivmediziner Felix Gutzweiler hat Functional Food nichts im Leistungskatalog der Krankenkassen verloren. „Es ist falsch, davon auszugehen, dass alles, was gesundheitlichen Zusatznutzen hat, dahin gehört. Die gesunde Ernährung bleibt im Verantwortungsbereich des Einzelnen.“ Im Parlament sind denn laut Ida Stauffer, Sekretärin der Gesundheitskommission, auch keine Bestrebungen in Richtung eines solchen Ausbaus im Gang, sondern vielmehr solche für einen Abbau.

 

Fraglicher Nutzen

Obschon Hersteller den gesundheitlichen Nutzen ihrer Produkte „wissenschaftlich nachweisen“, ist noch vieles unklar. Dem modernen Konsumenten steht eine riesige Auswahl von Lebensmitteln zur Verfügung. Es ist sehr schwierig zu beurteilen, ob nun in der Vielfalt der täglich verzehrten Produkte das eine oder andere Functional-Food-Lebensmittel einen nachweisbaren, zusätzlichen Nutzen hat. Die gesundheitlichen Effekte lassen sich daher gesamthaft kaum bilanzieren.

            Forderungen wie jene von Emmi-Chef Walter Huber findet Denise Rudin von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz eine „gefährliche Entwicklung“, wenn solche Produkte als medizinische Leistungen kategorisiert werden. Wer Functional-Food-Produkte verwende, sei nicht automatisch gesünder. „Wenn wir funktionelle Lebensmittel solidarisch finanzieren würden, wären die Menschen noch verwirrter, als sie im Bereich Ernährung und Gesundheit ohnehin schon sind“, ist sie überzeugt. „Aus Sicht der Gesundheitsförderung kommen funktionelle Lebensmittel nur als mögliche Ergänzung zu einer gesunden Ernährung in Frage, keinesfalls als Ersatz.“ Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung sieht laut Esther Infanger zudem das Problem, dass durch Functional Food die Grenzen zwischen Nahrungsmitteln und Medikamenten verwischt werden. Problematisch werde es vor allem dann, wenn jemand Functional Food wie ein Medikament zur „Symptombekämpfung“ einnehme, erklärt die Ernährungsberaterin, und die nötige Veränderung des Lebensstils dadurch vernachlässige. Wahllos eingenommen führen solche Lebensmittel ausserdem zu einer zu hohen Zufuhr von Nährstoffen oder Vitaminen, die ebenfalls schädigen könnten.

            Nicht nur vom Nutzen her ist Functional Food fraglich. Dessen Kostenübernahme durch die Krankenkassen würde überdies gesundheitspolitisch und volkswirtschaftlich falsche Signale setzen.

 

 

Kasten 1

 

Kein Heilmittel

Als Functional Food bezeichnet man Nahrungsmittel, denen gesundheitsfördernde Stoffe zugeführt oder bedenkliche Substanzen entfernt wurden und so einen gesundheitlichen Zusatznutzen bringen sollen. Die Abgrenzung zu einem Heilmittel ist für den Konsumenten somit nicht eindeutig. Das Bundesgericht versuchte 2001, mit einem wegweisenden Urteil diese Unklarheit zu beseitigen. Das Gericht wies eine Milchwerbung als unzulässig zurück, wonach Milch gross und stark mache und Osteoporose vorbeuge. Zulässig hingegen sei es, wenn man auf die nützliche Funktion einzelner Nährstoffe hinweise. Also, Kalzium sei wichtig für den Knochenaufbau. So wirbt heute Unilever für seine Becel-Margarine damit, dass deren „optimale Fettsäurenzusammensetzung ideal für eine herzgesunde und cholesterinbewusste Ernährung“ sei.

            Besteht jedoch die Absicht, Functional Food ausdrücklich zur Prävention und Therapie einzusetzen, fällt er unter das Heilmittelgesetz. Weil diese Art von Lebensmitteln bisher nicht als Medikamente gelten, müssten sie zuerst vom Heilmittelinstitut Swissmedic als solche zugelassen werden. Erst nach erfolgreicher Zulassung durch Swissmedic könnten diese Produkte als Medikamente in der Spezialitätenliste aufgenommen werden. Und schliesslich bräuchte es einen politischen Konsens darüber, ob sie aus der Grundversicherung bezahlt werden sollen, sagt Daniel Dauwalder vom Bundesamt für Gesundheit: „Bis jetzt sind bei uns jedoch keine solche Gesuche eingegangen.“ (mü)

 

 

Kasten 2

 

Gefragte Vitamine

Migros führt mit „Actilife“ eine Eigenmarke für Functional- und Health-Food. Das Actilife-Sortiment stellt sich aus Säften, Brausetabletten, Low-Carb-Protein-Drinks oder Molkenpulver zusammen. Besonders gut laufen vorab Vitamin-C- und Magnesium-Brausetabletten sowie Zink-, Eisen-, L-Carnitin-Lutschtabletten. Die Zielgruppe dabei ist eher weiblich, aktiv und in jedem Alter. Mit einzelnen Produkten will Migros auch gezielt Senioren ansprechen. Coop macht derweil mit seinen „Everyday“-Säften, die Folsäure und Vitamine enthalten, gute Geschäfte sowie mit der Weight-Watchers-Linie für Schlankheitsbewusste. (mü)