Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    1. August 2004

 

 

Es ist immer noch gut Kirschen essen

 

Meldungen über eine schlechtere Qualität von heutigem Obst und Gemüse verunsichern die Konsumenten. Doch es gibt auch Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen.

 

Stefan Müller

 

 „5 am Tag“ soll es richten. Mit fünf Portionen Früchten und Gemüse am Tag will die Ernährungskampagne des Bundesamtes für Gesundheit, der Migros und anderen Organisationen der Schweizer Bevölkerung zu mehr Gesundheit verhelfen. Mehr Früchte und Gemüse bringen mehr Vitamine und Mineralien – und damit mehr Gesundheit, so die Philosophie hinter der aus den USA stammenden und inzwischen europaweit verankerten Kampagne. Doch: Enthalten Früchte und Gemüse noch genügend Vitamine und Mineralstoffe, um unseren täglichen Bedarf zu decken?

 

Eine von der Uni Hamburg begleiteten Untersuchung ergab Zahlen, die aufhorchen lassen. Das beauftragte private Labor stellte teilweise markante Verschlechterungen der Nährstoffgehalte bei Obst und Gemüse fest. Zum Beispiel beim Apfel: Die wichtigsten Mineralien gingen seit 1994 bis um 87 Prozent zurück, vor allem Eisen, Kalzium und Kupfer. Der Gehalt an Vitamin B und C reduzierte sich im gleichen Zeitraum ebenfalls, um 26 respektive 96 Prozent. Auch die Tomaten erlitten empfindliche Einbussen, am deutlichsten das Eisen (-76%) und Kupfer (-65%) sowie auch Vitamin C mit 51 Prozent. Die Kartoffeln wiederum verloren unter dem Strich an Mineralien, bis zu 50 Prozent, beispielsweise Eisen.

 

Die Ernährungswissenschafterin Susanna Finzel, die die Studie begleitete, erklärt die auch für sie überraschend schlechten Ergebnisse damit, dass heute nach ökonomischen und nicht nach ökologischen Kriterien geerntet werde. Das bedeute, dass Obst und Gemüse selten vollreif ins Verkaufsregal gelangten. Und nur vollreif entwickelten sie einen optimalen Nährstoffgehalt.

 

Die Untersuchung ging vom typischen Verbraucher und dessen Warenkorb aus, wenn er abends nach der Arbeit einkaufen gehe. So wurde bei Raumtemperatur gelagertes Obst und Gemüse bei verschiedenen grösseren und kleineren Lebensmittelgeschäften eingekauft, einmal um vier und einmal um sechs Uhr abends. Die Analysewerte verglich das Labor mit dem Standardwerk der Ernährungswissenschaft, den Nährstofftabellen von Souci, Fachmann & Kraut von 1994.

 

„Weil wir die Ergebnisse einfach nicht glauben konnten“, so Finzel, „haben wird denselben Warenkorb zwei Wochen später ein zweites Mal analysiert. Fazit: dieselben Ergebnisse!“

 

 

Äpfel und Birnen im Test

 

Der Studie könnte allerdings den Vorwurf gemacht werden, ein Parteigutachten zu sein.  Denn sie wurde von einem Betrieb finanziert, der natürliche Nahrungsergänzungen wie Vitamine und Mineralien herstellt. Finzel, die in der Lehre und Forschung arbeitet, will deshalb ein unabhängiges Labor einer Universität einschaltet. Doch das ist nicht einfach. Viele Universitäten verfügen heute nicht mehr über Labors, die solche Analysen durchführen können. Sie wandte sich deshalb an die Uni Halle-Wittenberg. Abklärungen für eine entsprechende Untersuchung sind nun im Gange.

 

Franco Weibel vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick hält wenig von den Hamburgern Ergebnissen. Solche „Warenkorb-Studien“ entsprächen zwar der Konsumentensicht, seien aber zufällig. Man wisse zu wenig über den Anbau, den Erntezeitpunkt, die Lagerung oder den Transport der geprüften Lebensmittel.

 

Trotzdem, Hiobsbotschaften wie diese aus Hamburg verunsichern die Konsumenten. Deshalb hat sich die Eidgenössische Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau der Sache angenommen. Sie beschränkte sich allerdings auf eine Literaturanalyse. Die Forscher verglichen Nährstofftabellen dreier Standardwerke über einen Zeitraum von fünfzig Jahren miteinander. Dabei handelte es sich um die Zahlen von McCance, Geigy und Souci, Fachmann & Kraut.           

 

Die Wädenswiler Forscher prüften die wichtigsten Gemüse und Früchte auf ihren Gehalt an 11 Vitaminen und 9 Mineralstoffen. Bilanz: Bei vier Fünfteln aller Stoffe konnten sie keine Veränderungen feststellen, die einer statistischen Prüfung standhalten würden, weil die Streuweite der Resultate zu gross war. Beim Obst konnten sie aber dennoch statistisch signifikant 3 Prozent weniger Magnesium nachweisen, aber auch 168 Prozent mehr Folsäure und 19 Prozent mehr Vitamin C. Beim Gemüse eruierten sie eine Abnahme von Vitamin C (-22%), Vitamin B2 (-32%), Magnesium (-29%) sowie Kupfer (-57%).

 

Gleichwohl folgern die Forscher, dass bei "moderner" Ernährung der Bedarf  an Vitaminen und Mineralien weiterhin ausreichend gedeckt sei. Esther Infanger von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung und Mitautorin der Studie: „Heute ist viel entscheidender, dass man sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, als der exakte Gehalt an Nährstoffen in einzelnen Lebensmitteln. Mitautor Ernst Höhn schränkt ausserdem die Aussagekraft einer solchen Studie ein. Die Grundlagen der Analyse, die Nährstofftabellen, seien zwar allgemein anerkannt, aber nicht optimal. Die Zahlen hätten eine grosse Streubreite, weil sich die Analysetechnik über die Jahrzehnte immer mehr verfeinert habe, was Vergleiche nur bedingt zulasse. Zudem seien Inhaltsangaben immer auch Momentaufnahmen. Obst und Gemüse sind lebende Pflanzengewebe. Reifungs- und Alterungsvorgänge beeinflussen deshalb den Nährstoffgehalt stark, insbesondere die Vitamine.

 

Dass der Nährstoffgehalt auch gezielt beeinflusst werden kann, versucht eine Meta-Studie aufzuzeigen, die letzten Herbst in Österreich vorgestellt wurde. Alberta Velimirov vom Ludwig Boltzmann-Institut für Biologischen Landbau und der Risikoforscher Werner Müller haben 170 Studien über Obst, Gemüse und Fleisch ausgewertet, um die "potenziellen Vorteile biologischer Lebensmittel" zu ermitteln. Sie verglichen Obst, Gemüse und Fleisch aus konventioneller und biologischer Produktion. Ihr Augenmerk galt dabei sowohl den Inhaltsstoffen als auch deren Wirkung auf Mensch und Tier. In vielen Studien schnitten die Bioprodukte besser ab.

 

 

Ist Bio tatsächlich besser?

 

So wurde ein deutlich höherer Gehalt an Mineralstoffen in Bio-Kartoffeln gefunden. Bio-Äpfel und Tomaten wiesen deutlich höhere Vitamin-C-Gehalte auf. Weiter produzierten Frauen, die sich biologisch ernährten, mehr Omega-3-Fettsäuren und mehrfach ungesättigte Fettsäuren in der Muttermilch. Diesen Fettsäuren wird eine präventive Wirkung bei Arteriosklerose und Krebs zugeschrieben.

 

Diese euphorischen Ergebnisse relativieren die Autoren allerdings gleich selbst. Sie stellten nämlich methodische Mängel bei vielen der gesichteten Arbeiten fest. Übrig bleibt am Schluss die dünne Schlussfolgerung, dass "zumindest tendenzielle Unterschiede der Inhaltszusammensetzungen vorsichtig  als anbausystemabhängig" bezeichnet werden könnten. Der Schweizer Agrarwissenschaftler Franco Weibel, der am FiBL selber Inhaltsanalysen bei Obst durchführt, bleibt skeptisch. Ihm fehlen Langzeitstudien, um eindeutige Aussagen machen zu können. Zudem heisse mehr Mineralien und Vitamine nicht einfach „gesünder“. „Wichtig für gesundes Obst und Gemüse sind vorab die Harmonie und das Gleichwicht der Inhaltsstoffe“, sagt Weibel.

 

Angesichts dieses noch nicht entschiedenen Expertenstreits fahren Ernährungsbewusste sicher gut, wenn sie sich mindestens an die internationale Empfehlung „5 am Tag“ halten – mehr Gemüse und Früchte können gewiss nicht schaden. (mü)