Erscheinungsort:                   Saldo

Erscheinungsdatum:            21. Februar 2007

 

Mit E-Mail-Therapie gegen seelische Nöte

 

Nach der Telemedizin kommt jetzt die Telepsychiatrie: An der Uni Zürich hat man Patienten erfolgreich per E-Mail therapiert.

 

Stefan Müller

 

Ärztliche Diagnose und Behandlung per Telefon und Mail haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Nun hat das Psychologische Institut der Universität Zürich diese Art von Fernbehandlung erstmals in der Deutschschweiz auf den Bereich der Psychologie ausgeweitet und verzeichnet damit erstaunliche Erfolge.

 

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie hat das Institut 200 Personen mit komplizierter Trauer und posttraumatischen Belastungsstörungen mit einer E-Mail-Therapie behandelt. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann die Folge eines gravierenden Ereignisses wie eines schweren Unfalles oder von Gewalt sein. Während fünf Wochen mussten die Patienten nach genauer Vorgabe zehn Texte per Mail verfassen. Die Therapeuten beantworteten die Mails, indem sie Rückfragen stellten. Sie erfragten beispielsweise genauere Angaben zum Unfallhergang oder zu den Empfindungen, die der Patienten nach dem Unfall hatte. Oder sie gaben verhaltenstherapeutische Anleitungen, wie neue Einstellungen entwickelt und ein Leben nach dem Trauma aufgebaut werden kann. «Die relativ kurze Therapie half den Patienten teilweise besser und schneller als eine konventionelle», resümiert Birgit Wagner von der psychopathologischen Abteilung des Instituts. Es habe bei beiden Krankheitsbildern generell eine deutliche Verbesserung der Symptome gegeben. Die positive Wirkung habe auch noch eineinhalb Jahre nach der Behandlung angehalten.

 

„Die schriftliche Kommunikation hat den Vorteil, dass sie genau dem Bedürfnis dieser Patientengruppen entspricht“, findet Wagner. Hinzu komme, dass allein durch das Formulieren des Mails und die dadurch erzwungene intensive Auseinandersetzung mit dem Problem dem Patienten vieles klarer mache. Eine weitere Stärke der Online-Therapie sieht Wagner in der Anonymität, die die Kontaktaufnahme des Patienten mit dem Therapeuten erheblich erleichtere. Bei einer herkömmlichen Therapie brauche man Stunden bis eine Beziehung hergestellt sei. In der Online-Therapie würden schon im ersten Mail mit grosser Offenheit tabuisierte Themen angesprochen, was wiederum die Behandlung beschleunige.

 

Weil die Studienresultate erfolgreich waren, bietet das Institut der Uni Zürich die E-Mail-Therapie weiterhin an. Birgit Wagner betont aber: Für Menschen mit psychotischen Symptomen (zum Beispiel Halluzinationen), Selbstmordgedanken, Drogenmissbrauch oder einer schweren Depression eigne sich die E-Mail-Therapie nicht. Sie würden an andere Fachstellen verwiesen.

 

Entwickelt wurden diese E-Mail-Psychotherapien in Holland, wo die Krankenkassen die Kosten dafür übernehmen – weil sie vielfach billiger sind als konventionelle Behandlungen. Anders sieht es in der Schweiz aus: Online-Therapien würden nicht zu den kassenpflichtigen Leistungen gehören, sagt Peter Marbet von Santésuisse, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer. Aber: «Wenn zum Beispiel ein Psychiater im Sinne einer Notfallversorgung per Telefon Auskunft gibt, wird das vergütet», so Marbet.

 

 

Nähere Informationen findet man unter: www.psychologie.unizh.ch/psypath/praxisstelle/therapie_internet/index.htm. Die Mail-Therapie des Psychologischen Instituts der Uni Zürich eignet sich nur für Menschen mit Depressionen oder posttraumatischen Störungen. Auskunft erteilt b.wagner@psychologie.unizh.ch. Eine komplette Psychotherapie kostet 500 Franken.

 

 

Kasten:

 

Professionelle Institutionen mit Online-Beratungen

 

Im Internet ist in den letzten Jahren die Zahl der Anlaufstellen für Menschen mit seelischen Nöten rapide gestiegen. Doch darunter hat es auch viele unseriöse Angebote. In Notfällen seriöse erste Hilfe bieten an:

Erste Anlaufstelle: Die Dargebotene Hand bietet telefonisch (143) sowie per Mail und Chat (www.143.ch) seit Jahrzehnten kostenlose Hilfe für Menschen in seelischen Nöten.

Für Eltern: Der Elternnotruf (www.elternnotruf.ch) berät rund um die Uhr per Telefon (044/261 88 66) oder Mail (24h@elternnotruf.ch).

Für Jugendliche: Das Internetportal der Pro Juventute (www.tschau.ch) gibt kostenlos Informationen und Auskunft zu Themen, die Jugendliche beschäftigen. Per Telefon (143) oder Mail (info@tschau.ch)

Kontaktadressen: Weitere Adressen und Informationen zu psychologischen Onlineberatungen findet man unter www.onlineberatungen.com