Erscheinungsort:         Caritas Aargau

Erscheinungsdatum:    Mai 2003

 

 

Wenn man den Franken dreimal umdrehen muss…

 

Wie sich eine IV-Rentnerin durchs
Leben schlägt

 

Die knappe Rente zwingt der allein erziehenden Maya Hasler trotz Rückenschmerzen einen fortwährenden Existenzkampf auf.

 

Stefan Müller

 

Die beiden gesichtslosen Mehrfamilienblöcke aus den 1980-er Jahren stehen am Dorfrand einer kleinen Gemeinde im Kanton Aargau mit hohem Steuerfuss und hoher Lebensqualität, wie der Gemeindehomepage zu entnehmen ist. Maya Hasler[*] empfängt den Besucher mit einem kräftigen Händedruck - Hände, die offensichtlich auch zupacken können.

 

 

Von der Gabelstapelfahrerin zur Frührentnerin

 

Die 40-jährige Maya Hasler, allein erziehende Mutter einer Viertklässlerin, arbeitet seit drei Jahren nicht mehr. Starke Rückenbeschwerden, ein Bandscheibenschaden, zwang die robuste Stapelfahrerin ihren geliebten Job bei der Migros aufzugeben. Fast zehn Jahre hat sie diesen geübt. Nach einer Rückenoperation versuchte sie es beim selben Arbeitgeber mit einer weniger körperlich belastenden Tätigkeit. Doch die Rückenschmerzen hielten an, und sie musste die Arbeit unwiderruflich an den Nagel hängen.

Der „kaputte“ Rücken brachte Maya Hasler in der Folge eine IV-Rente ein. Diese plötzliche Abhängigkeit war für sie zu Beginn sehr schlimm. „Ich wäre am liebsten auf den Knien arbeiten gegangen“, erinnert sich die unfreiwillige Frührentnerin.

 

 

Seelsorge mit Freude

 

Heute hadert Maya Hasler mit ihrem Schicksal weniger als früher. So hat sie mittlerweile einen starken Halt in ihrem Glauben gefunden und engagiert sich sozial. Die Freie Christengemeinde habe ihre dabei viel geholfen, erklärt Maya Hasler.

Morgens, nachdem ihre Tochter zur Schule gegangen ist, befasst sie sich mit der Kleidersammlung für Bedürftige - Kleider sammeln, sortieren und zur Sammelstelle bringen. Zu Maya Haslers grossem Repertoire an Beschäftigungen gehören weiter Stricken, Häkeln oder Nähen. Über Mittag verlangt dann die Tochter volle Aufmerksamkeit. Nach dem gemeinsamen Mittagessen geht Maya Hasler wie jeden Nachmittag eine 80-jährige pflegebedürftige Frau und andere Mitglieder der Christengemeinde besuchen. Diese Art der „Seelsorge“ bereitet ihr grosse Freude.

Allerdings fordern die vielen Aktivitäten ihren Tribut: Die Geschäftige muss sich immer wieder hinlegen, weil der Rücken schmerzt.

 

 

Immer rechnen

 

Der Jungrentnerin machen die permanent knappen Finanzen zu schaffen. Sie beklagt sich: „Weil ich ein paar Franken ‚zu viel’ IV-Rente habe, bekomme ich im Kanton Aargau keine Alimentenbevorschussung – im Gegensatz zu Zürich etwa!“ Rund 800 Franken bleiben nach Abzug aller Fixkosten von der IV- und Pensionskassenrente übrig, was für den täglichen Bedarf von Mutter und Tochter reichen muss. Das bedeutet, dass die Haushaltvorsteherin jeden Franken dreimal umdreht, bevor sie ihn ausgibt: „Wenn ich heute ein Waschmittel kaufe, muss ich beispielsweise das Magnesium, das ich gegen meine Wadenkrämpfe brauche, reduzieren“, erläutert sie ihre Schwierigkeiten. Erschwerend hinzukommen die Altlasten ihres Ex-Ehemannes. Der hat ihr nämlich erkleckliche Bankschulden hinterlassen, die sie Monat für Monat mühselig abstottert.

Glücklicherweise hat sie ihren Hund „Check“, der sie von solch beklemmenden Gedanken ablenkt. Vor allem abends hat sie dann die Möglichkeit, den Träumen nachzuhängen. So wünscht sie sich einmal ein Bauernhaus, wo sie sich selbst versorgen kann. Eine Kaffeeecke für die Mütter und einen Abenteuerspielplatz für die Kinder soll es geben. „Es ist wichtig, Wärme weiterzugeben“, ist Maya Hasler überzeugt. (mü)

 

 


 

[*] Name geändert