Erscheinungsort:         Caritas Aargau

Erscheinungsdatum:    Mai 2003

 

 

Wenig Lohn und immer mehr
Arbeit

 

Eine Familie versucht die Sozialhilfe zu
umschiffen

 

Sefgi Aslan kann ihre vierköpfige Familie nur dank Schwerstarbeit und der Mithilfe ihres ältesten Sohnes durchbringen. Der Preis ist allerdings hoch.

 

Stefan Müller

 

Ein dunkler Haarschopf zeigt sich neugierig am Fenster, verschwindet rasch wieder, poltert die knarrende Holztreppe hinunter und öffnet freudestrahlend die Tür. Die 12-jährige Alev Aslan[*], eine stattliche junge Dame, führt den Besucher in den ersten Stock zu den Eltern, die bereits in der Stube warten. Bevor das Gespräch beginnt, bewirten die beiden den Gast mit Kaffee und Gebäck. Die kleine Stube ist liebevoll eingerichtet, mit einer grosszügigen Polstergruppe ausgestattet und allerlei Nippes in der Wohnwand.

 

 

„Wer bringt dann den Lohn
nach Hause?“

 

Der aus Anatolien stammende Hüseyin Aslan, Vater zweier minderjährigen Kinder, hat zehn Jahre lange in der nahe gelegenen Betonfabrik gearbeitet, bis er vor fünf Jahren Opfer eines grösseren Stellenabbaus wurde. Seither sucht der 44-jährige ungelernte Arbeiter unermüdlich eine Stelle. Neben dem Beantworten von Zeitungsinseraten macht er dreimal die Woche eine Tour durch den Kanton Aargau und geht auf gut Glück sich bei verschiedenen Betrieben vorstellen. Bis jetzt vergeblich. Er mauserte sich indessen unfreiwillig zum allseits geschätzten Hausmann, der putzt, wäscht, einkauft, für die ganze Familie kocht und seiner Tochter, einer Viertklässlerin, bei den Hausaufgaben hilft.

            Seine Frau, die 38-jährige Sefgi Aslan, hat sich derweil anstelle ihres Mannes in die Lohnarbeit gestürzt. Als Putzfrau müht sie sich die ganze Woche über in zahllosen Privathaushalten ab. Sie putzt buchstäblich bis fast zum Umfallen, obschon Kopf, Rücken und Beine schmerzen. Krankschreiben lassen kann sie sich nicht: „Wer bringt dann den Lohn nach Hause?“, gibt Sefgi Aslan zu bedenken. Und Sozialhilfe wollen Aslans gewiss kein zweites Mal beanspruchen. Letztmals mussten sie alles auf den Rappen genau zurückerstatten. Sefgi Aslan sagt heute: „Lieber knapp durch als Schulden, die man zurückzahlen muss.“

 

 

Den Gürtel eng geschnallt

 

Die Schwerstarbeiterin steuert mir ihrem Lohn von rund 2500 Franken den Löwenanteil zum Haushaltsbudget bei. Den Rest gibt der 17-jährige Sohn grosszügigerweise zu Hause ab, der sein Auskommen seit eineinhalb Jahre als Hilfsarbeiter gefunden hat. „Er ist ein guter Sohn“, stellen die Eltern dankbar fest. Wohl wissend, dass dies heutzutage keine Selbstverständlichkeit ist. Doch jetzt, wo er achtzehn wird, will er wie die meisten seiner Altersgenossen die Fahrprüfung machen und sich ein Auto anschaffen.

Zusätzliche Sorgen bereitet den Aslans die derzeitige Wohnungssuche. Denn der Besitzer des baufälligen, lilafarbenen Dreifamilienhauses hat Eigenbedarf angemeldet. So hat die kurdische Familie bis Ende August 2003 die günstige Vierzimmerwohnung endgültig zu verlassen. Aber wo gibt es Wohnungen in dieser Grösse für eintausend Franken?

            Die Aslans können den Lebensunterhalt nur dank grösster Sparsamkeit bestreiten. Ferien gibt es praktisch nie, letztmals vor zwei Jahren mit Unterstützung einer sozialen Institution. Gerne würde Alev wie ihre Schulkameradinnen Velo fahren. Das einzige Fahrrad der Familie braucht jedoch die Mutter zum Arbeiten.

            Gleichwohl betonen Sefgi und Hüseyin Aslan: „Wir fühlen uns in der Schweiz zu Hause.“ (mü)

 

 


 

[*] Alle Namen geändert