Erscheinungsort:         Caritas Aargau

Erscheinungsdatum:    Mai 2003

 

 

 „Das Leben wurde wie eine Beisszange"

 

Sozialhilfe macht isoliert und einsam

 

Die sechsköpfige Familie Müller „verdient“ sich die monatliche Sozialhilfe sauer. Ein Leben, geprägt von Streit und Verzweiflung.

 

Stefan Müller

 

Wie eine magische Kraft zieht uns der dicke graue Bundesordner in seinen Bann. Der Ordner, der aufgeschlagen auf dem Esstisch liegt, dokumentiert sieben Jahre Streitgeschichte der sechsköpfigen Familie Müller mit den Behörden, gleichsam die Ohnmacht ein selbstständiges Leben zu führen.

 

 

Die Odyssee

 

Den Auftakt zum schicksalhaften sozialen Abstieg von Lora Müller (38) und ihrem Mann Richard (49) bildete der Konkurs seines Architekturbüros. „1994 begann damit die reinste Odyssee“, sagt Richard Müller. Als Architekt fand er daraufhin keine Stelle mehr. Stattdessen nahm er eine Stelle als Hilfspfleger in einem Pflegeheim an. Seine Frau, ehemals leitende Bankangestellte, war mit ihrer Aufgabe als Mutter von vier kleinen Kindern vollauf ausgelastet. Zur selben Zeit verlor die Familie ihre Wohnung und wurde obdachlos, und geriet so immer mehr in einen Strudel von Problemen, der sie am Ende in die „Arme“ der Sozialhilfe trieb.

            „Das Leben wurde wie eine Beisszange“, umschreibt Richard Müller seine Erfahrung als Sozialhilfeempfänger. „Wir kommen da einfach nicht mehr raus!“ Sie seien ständig mit Vorurteilen konfrontiert sowohl bei der Wohnungs- als auch Arbeitssuche. „Für Leute wie euch, zahle ich keine Steuern“ oder „Wohlstandsmüll“ müssen sie sich beispielsweise anhören. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück, sobald sie erfahren, dass die Müllers am Staatstropf hängen. Sozialhilfe isoliert und macht einsam.

Besonders schikaniert und geplagt, fühlt sich die Familie Müller von den Behörden ihrer eigenen Wohngemeinde. Richard Müller zeigt voller Empörung auf den dicken grauen Ordner vor sich, der die ganze Korrespondenz seines Kampfs gegen die aargauische Obrigkeit enthält. Der einstige Baufachmann gibt ein Beispiel: „Wir haben zwar eine Notwohnung in einem Abbruchhaus zur Verfügung gestellt bekommen, die Zimmer sind jedoch stark mit hochgiftigem Schimmelpilz befallen.“ Seine Frau flicht ein: „Die Kinder haben bereits Gesundheitsprobleme, Allergien sowie Probleme mit den Augen.“

 

 

Sozialhilfe bei Wohlverhalten

 

Die Familienmutter erinnert sich lebhaft an den Tag, als der Kühlschrank und das Portemonnaie leer waren und die Kinder vor Hunger schrieen. Grund: Die Sozialhilfe wurde nicht ausbezahlt. Die darauf folgende Intervention bei der Rekursbehörde ergab laut Müllers: „Gewisse Tagesschikane“ müsse man sich gefallen lassen. Immerhin bezahlt die Gemeinde seither die monatliche Sozialhilfe von rund 2500 Franken – exklusiv Miete und Versicherungen -, verbunden indes stets mit der Drohung, dass die staatliche Hilfe bei ungenügender Arbeitssuche wieder entzogen oder zumindest gekürzt werden könnte.

            Gleichwohl dreht sich das Leben der Familie Müller nicht ausschliesslich ums Geld. Der Alltag ist stark bestimmt von den Kindern (3/5/10/12). Neben der Kinderbetreuung gibt der Haushalt viel zu tun, mit vier Kindern und besonders in einem alten Haus. Der „Arbeitstag“ geht für die Eltern gegen halb neun, wenn die Kinder im Bett sind, zu Ende. Dann bleiben noch ein bis zwei Stunden für sie selbst.

Tag für Tag, Woche für Woche. Keine Unterbrüche, keine Ferien, immer derselbe Ablauf. „Wir haben gelernt, in der Gegenwart zu leben“, sagt Richard Müller und fügt mit schiefem Lachen hinzu: „Der zuständige Gemeindeangestellte hat uns ja empfohlen: ‚Die Vergangenheit ruhen zu lassen’“. Demonstrativ stemmt er dabei seinen Zeigefinger auf den dicken grauen Bundesordner, die Papier gewordene Vergangenheit. (mü)