Erscheinungsort:         Caritas Aargau

Erscheinungsdatum:    Mai 2003

 

 

 „Eine gute Ausbildung für
unsere Kinder“

 

Ein genügsames Leben im Exil

 

Der ständige Terror zwang die Familie Azadi vor fünf Jahren ihr Heimatland Afghanistan zu verlassen. Jetzt baut sie sich, wenn auch beschwerlich, eine neue Existenz in der Schweiz auf.

 

Stefan Müller

 

Das Hochhaus ragt in den dunklen Nachthimmel, davor das dumpfe Rauschen der Autobahn. Die anerkannte Flüchtlingsfamilie Azadi* aus Afghanistan wohnt im sechsten Stock. Unsere „Dolmetscherin“, die Tochter von Sharifah und Paiman, hat nur kurz Zeit. Die leidenschaftliche Sportlerin hat Training. So setzen wir anschliessend die Unterhaltung zu dritt fort in gebrochenem Deutsch, durchsetzt mit Englischbrocken und einem stattlichen Wörterbuch in der Hand. Trotz sprachlichen Barrieren verständigen wir uns ganz passabel und stecken binnen kurzem in einem intensiven Gespräch.

 

 

Von Kabul nach Zofingen

 

Zum besseren Verständnis ihres Lebens in Afghanistan holt Sharifah Azadi, die ausgebildete Mathematiklehrerin, das Familienalbum. Die heute 53-Jährige musste vor fünf Jahren auf Grund des Terrors in ihrem Heimatland – die Taliban und ihre Gegner drangsalierten das Land - Kabul fluchtartig verlassen, die anderen Familienmitglieder folgten ein Jahr später. Aus Angst konnte sie zuletzt die Kinder, die beiden Söhne und vor allem die Tochter, nur noch zu Hause unterrichten. Dies betrübte die Eltern sehr, legen sie doch grossen Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder.

Die 17-jährige Tochter besucht heute die Kantonsschule in Zofingen. Die beiden volljährigen Brüder arbeiten, der eine als Maschinenanlagebauer, der andere als Metallbauer. Die Eltern müssen weiterhin mit Deutschkursen vorlieb nehmen: „Wir würden natürlich, wenn wir könnten, viel lieber arbeiten“, betont Paiman Azadi.

 

 

Engagement in der Schweiz

 

So engagiert wie in Kabul können sich die beiden des ungenügenden Deutsch wegen noch nicht voll ins Zeug legen. Sowohl Paiman, der in Kabul als Bankier arbeitete, als auch seine Partnerin politisierten in der Demokratischen Partei. Sie setzte sich zudem mit Herzblut für die Gleichstellung der Frau ein, obschon sie und ihr Mann Muslime sind. „Wir sind eben liberal“, betont Sharifah Azadi.

            Die Praktika als Teil der Deutschkurse ermöglichen Azadis am gesellschaftlichen Leben im Exilland teilzunehmen. Zum Beispiel: im Samariterverein, Pflegeheim, katholischen Frauenverein oder in anderen kirchlichen Organisationen.

Sport bedeutet allen Familienmitglieder viel. Sharifah Azadi spielte Basketball in der afghanischen Nationalmannschaft, in der Schweiz ist sie stattdessen Mitglied im Turnverein Zofingen. Ihr 59-jährige Mann lässt Dampf ab mit Gewichte heben und Joggen, dreimal die Woche. Die Kinder teilen diese Leidenschaft mit ihren Eltern.

 

 

Gelernt mit wenig zu leben

 

Mutter und Vater und die 17-jährige Tochter leben von der Sozialhilfe. Der noch zu Hause lebende Sohn hat seinen eigenen Lohn. Die Sozialhilfe beträgt rund 2000 Franken. Miete und Versicherungen bezahlt die Gemeinde extra. Auf die Frage, ob das reiche zum Leben, er klärt Sharifah Azadi: „Es ist o.k. Wir haben während des Krieges gelernt, mit wenig zu leben.“ Am wichtigsten sei ihr, dass die Kinder eine sichere Zukunft und eine gute Ausbildung hätten. Ihr Mann fügt an, Friede und Solidarität auf der Welt sei ihm ebenfalls ein wichtiges Anliegen. Er hört sich täglich die BBC-Nachrichten an, um sich auf dem Laufenden zu halten und liest viel.

            Zurück nach Afghanistan wollen jedoch beide nicht mehr. Sharifah Azadi: „Ich liebe mein Land, habe aber auch mein Leben dort verloren. Nun gehöre ich in das Land meiner Kinder. Das ist die Schweiz.“ (mü)

 

 


 

* Namen geändert