Erscheinungsort:               NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:         15.  Mai 2002

 

 

 

Das Potenzial des Hanfs gegen den Schmerz

 

 

Mit natürlichem Cannabis wollen Forscher die Opiate konkurrieren.

 

Stefan Müller

 

Sie rauchen es, sie bereiten Tees damit zu oder verarbeiten es zu Kuchen. Schmerzgeplagte - etwa Rheumatiker, Multiple Sklerotiker oder Krebskranke - schätzen die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis. Cannabis lindert jedoch nicht nur Schmerzen. Es bekämpft genauso Übelkeit oder regt den Appetit an. Das Heilkraut hat nur einen Haken: Es untersteht dem Betäubungsmittelgesetz.

Als vor rund zehn Jahren bei Tier und Mensch Rezeptoren (Andockstellen) für körpereigene Cannabisabkömmlinge gefunden wurden, schlug das ein wie eine Bombe. Denn: So wie der Körper in der Lage ist, körpereigene Opioide (Endorphine) herzustellen, zu produzieren, so kann er offensichtlich auch körpereigene Cannabinoide (Endocannabinoide) herstellen. “Tierversuche wiesen sogar nach, dass die Endorphin- und Endocannabinoidsysteme miteinander vernetzt sind”, sagt Rudolf Brenneisen, der seit zwanzig Jahren an der Universität Bern den Hanf erforscht. Dank dieser Vernetzung kann man in Zukunft vermutlich über die Cannabinoidandockstellen ebenfalls wirksam in die Schmerz­wahrnehmung eingreifen. “Wenn wir nun für die Cannabisrezeptoren den optimal passenden ‚Schlüssel‘ finden”, glaubt Rudolf Brenneisen, “können Opioide als derzeit potenteste Schmerzmittel eines Tages durchaus in einigen Bereichen ersetzt werden.” Damit stünde ein hochwirksames Schmerzmedikament mit geringen Nebenwirkungen zur Verfügung.

Auf Grund dieser bahnbrechenden Erkenntnissen witterte die Pharmaindustrie längst ein gutes Geschäft und investierte diesseits und jenseits des Atlantiks in die Cannabis-Forschung. Die gesetzlichen Restriktionen bewogen viele Pharmabetriebe allerdings, sich vornehmlich auf synthetisches Tetrahydrocannabinol (THC), den wichtigsten Wirkstoff der Hanfpflanze, zu konzentrieren. Inzwischen ist ein solches THC-Produkt in Kapselform auf dem Markt. Das Naturimitat wirkt allerdings nicht immer befriedigend. Immerhin profitieren Spastiker im Rahmen eines Forschungsprogrammes mit einer Sonderbewilligung bereits davon profitieren.

Claus Naumann von der Zürcher Schmerzklinik Bethanien erzählt: “Wenn die klassischen Methoden, etwa auf Opiate basierenden Therapien versagen, versuche ich es mit Cannabis.” Mit einigem Erfolg behandelt er nervenbedingte Muskelkrämpfe bei Multiple Sklerose oder Querschnittlähmung. Oft reduziert THC die Dosis der Opiate und damit deren unangenehmen Nebenwirkungen wie starke Verstopfungen. THC hat im Vergleich zu anderen Medikamenten selbst bei hohen Dosen ein sehr geringe Toxizität, eine Überdosis ist deshalb kaum möglich.

                So richtig zu befriedigen vermochte das synthetische THC jedoch bislang niemanden. Mit einer Vergleichsstudie lieferte Brenneisen kürzlich den Nachweis dafür: Das synthetische THC unterlag unter experimentellen Schmerzbedingungen dem Morphin deutlich. Für die Behauptung, dass THC in Form eines pflanzlichen Extrakts besser wirke, fehlen laut Brenneisen allerdings noch wissenschaftliche Beweise.

Etliche kleinere und mittlere Pharmaunternehmen, die mit natürlichem Cannabis-Pflanzenmaterial arbeiten, wollen diese Lücke schliessen. So zum Beispiel die Cannapharm AG in Burgdorf. Markus Lüdi, ihr Geschäftsführer, ist vom Potenzial der Hanfpflanze überzeugt: “Bei spastischen Schmerzen zum Beispiel wird Cannabis in wenigen Jahren den Opiaten überlegen sein. Allerdings  mit Cannabis als natürlichem pflanzlichem Extrakt.” Der Chemiker rechnet damit, im Idealfall im Jahr 2007 mit einem Schmerzmittel gegen Fibromyalgie (Form von Weichteil-Rheuma) und einem Mittel gegen Migräne auf den Markt vorzustossen.

                Das ist im Moment noch Zukunftsmusik. Vorerst beschäftigen sich die Pharmakologen mit praktischeren Problemen. Da der Körper das THC wahrscheinlich optimal über die Lunge aufnimmt, arbeitet Brenneisen an einem Inhalationspray. Ein Spray, der unter die Zunge gespritzt wird, ist in England in einer breit angelegten Studie bereits in Erprobung. Bei alledem tut sich die Politik mit der Liberalisierung schwer. Und so müssen Schmerzgeplagte weiterhin ihren Joint illegal rauchen. (mü)

 

 

 

- Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin:
http://www.acmed.org/german/home.htm

 

- Literatur: Franjo Grotenhermen (Hrsg.), Cannabis und Cannabinoide, Verlag Hans Huber, 2001