Erscheinungsort:         NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:    4. Januar 2004

 

 

Wird Hanf zum Blockbuster?

 

Cannabis erzeugt Goldgräberstimmung in der Pharmabranche

 

Stefan Müller

 

Während sich die Politiker über die Cannabis-Liberalisierung den Kopf zerbrechen, liefert die medizinische Forschung immer mehr Beweise, dass der Hanfpflanze seit jeher zugeschriebenen Heilwirkungen tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen sind: Cannabis hilft gegen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schmerzen und Muskelkrämpfe. Immer öfter springen auch Pharmaunternehmen auf den Zug auf – dies, obwohl der Verbrauch von Cannabis in den meisten Ländern noch per Gesetz verboten ist.

Eine vor kurzem in England veröffentlichte Studie („The Lancet“, Bd. 362, S. 1517) hat das Heilpotenzial der Hanfpflanze unterstrichen. 630 Multiple-Sklerose-Patienten wurden mit einem THC-haltigen Cannabisextrakt behandelt. THC steht für Tetrahydrocannabinol, den wichtigsten Wirkstoff der Hanfpflanze. Bis vor kurzem wurden in der Medizin vor allem synthetisches THC, auch Marinol genannt, eingesetzt. Nach allgemeiner Auffassung wirkt der Cannabis-Extrakt bei vielen Anwendungen besser als das synthetische THC. Dies resultiert auch aus der englischen Studie. Rund die Hälfte der Multiple-Sklerose-Patienten profitierte von einer deutlichen Linderung der der Muskelkrämpfe und Schmerzen.

Eine grosse Knacknuss allerdings bildet nach wie vor die ideale Anwendungsform. Bisher wurde künstliches THC vor allem als Pille verabreicht, doch die Ergebnisse waren wenig überzeugend. Eine Placebo-kontrollierte Pilotstudie der Uni Bern hat sich mit diesem Problem befasst. Rudolf Brenneisen, der seit über zwanzig Jahren den Hanf erforscht, testete im Schmerzlabor an einer kleinen Probandengruppe, wie synthetisches THC wirkt, wenn die Testpersonen den Wirkstoff in einer wässrigen Lösung inhalieren. Brenneisen vermutete sodann, dass der Wirkstoff am schnellsten und effizientesten über die Lunge in den Körper gelangt. Das weiss man vom Rauchen, das jedoch pharmazeutisch gesehen keine akzeptable Anwendungsform ist. Tatsächlich wurde das inhalierte THC vom Blut viel rascher und in fünfmal grösserer Menge  als das Marinol in Pillenform aufgenommen. Trotzdem zeigte der Inhalator im so genannten Eiswassertest nicht die gewünschte Wirkung. Bei diesem Testverfahren müssen die gesunden Probanden die Hände so lange in Eiswasser halten, bis sie Schmerzen verspüren.

Die wässrige THC-Lösung löste zudem bei allen Probanden Hustenreiz aus. Eine fast identische Untersuchung an 56 Probanden in den USA bestätigte die gute THC-Aufnahme durch die Lunge, aber auch den unangenehmen Nebeneffekt des Hustenreizes. „Dieses Problem lässt sich jedoch pharmazeutisch in den Griff bekommen“, ist Brenneisen überzeugt. Trotz diesem „Schönheitsfehler“ will ein deutsches Pharmaunternehmen die Finanzierung einer grösser angelegten Untersuchung durch Brenneisen übernehmen.

Eine Unterstützung, die bezeichnend ist für die heutige Situation: Immer mehr Unternehmen aus der Pharmabranche steigen in die Cannabis-Forschung ein. Das grosse therapeutische Potenzial von Cannabis stellen heute sowieso nur noch wenige Fachleute in Frage. Der deutsche Pharma-Multi Bayer sicherte sich zum Beispiel zusammen mit dem in der Cannabis-Forschung führenden englischen Unternehmen GW Pharmaceuticals die Rechte für das Medikament „Sativex“. Der Spray basiert auf einem THC-haltigen Cannabis-Extrakt und hilft bei Multiple-Sklerose-Symptomen und schweren neuropathischen Schmerzen. Und für die Behandlung von Krebsschmerzen mit diesem Medikament läuft derzeit eine letzte grosse Studie der Phase 3.

            Bemerkenswert ist dabei, dass Bayer diesen Weg einschlägt, obwohl Cannabis in der EU und den meisten Ländern der Welt weiterhin ein illegales Betäubungsmittel ist. Trotzdem wollen sich Bayer und inzwischen viele andere, vorab kleinere Pharmaunternehmen, im Bereich von Cannabis-Medikamenten engagieren.

Der Grund für die Goldgräberstimmung unter den Pharmaunternehmen: Das strikte Verbot für die weiche Droge wankt. So erwarten die Pharma-Experten, dass Englands Gesundheitsbehörden bereits ab Juni 2004 ein erstes pflanzliches Cannabis-Präparat von GW-Pharmaceuticals zulassen werden. In Kanada ist Cannabis für medizinische Zwecke sogar seit 1991 legalisiert. Selbst in den USA mit ihrer restriktiven Drogenpolitik haben mehrere Bundesstaaten das Verbot aufgeweicht und die  ärztliche Verschreibung von Cannabis zugelassen.

            Auch das hiesige Bundesamt für Gesundheit (BAG) spürt diese Entwicklungen. „Wir haben vermehrt Anfragen der Pharmaindustrie für klinische Studien“, bestätigt BAG-Mitarbeiterin Marta Kunz. Gemäss geltendem Gesetz darf das BAG Ausnahmebewilligungen für die Erforschung „verbotener Substanzen“ erteilen, wenn keine legalen Alternativen zur Hand sind, etwa bei der Symptombehandlung von multipler Sklerose. Weil es für solche Studien aber qualitativ hoch stehenden Hanf braucht, wird das BAG zudem häufiger um Anbaubewilligungen für Cannabis ersucht. Bei der anstehenden Revision des Betäubungsmittelgesetzes wird erwartet, dass auch das Schweizer Parlament die richtigen Zeichen setzt.