Erscheinungsort:                 NZZ am Sonntag

Erscheinungsdatum:           2. April 2006

 

Ein Kraut kommt durch die Hintertür

 

Trotz restriktiven Betäubungsmittelgesetzen explodiert derzeit die Cannabis-Forschung förmlich. Denn die Medizin erhofft sich Hilfe von der Hanfpflanze bei verschiedensten Krankheiten.

 

Stefan Müller

 

Die Medizin erhofft sich zurzeit viel von der Hanfpflanze. Viele Studien beweisen bereits, dass Cannabis Übelkeit und Erbrechen bei der Krebs-Chemotherapie lindert, bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust von Aidskranken hilft und dass der Stoff aus der Hanfpflanze auch gegen die Spastik bei multipler Sklerose und Querschnittslähmungen wirkt. Ob Cannabis auch bei anderen Erkrankungen wie Epilepsie, Bewegungsstörungen oder Depressionen helfen kann, ist dagegen noch nicht genügend untersucht. Denn weil Anbau und Konsum der Pflanze nach vor illegal sind, sind deren Erforschung enge Grenzen gesetzt. „Die Cannabis-Forschung explodiert trotzdem förmlich“, erklärt Rudolf Brenneisen, Pflanzen-Pharmakologe an der Uni Bern, der sich selbst seit Jahrzehnten mit Cannabis befasst. Vor kurzem wurden an einer internationalen Konferenz im niederländischen Leiden neue Ergebnisse vorgestellt.  Englische Forscher zeigten da etwa mit einer Studie mit  160 Multiple-Sklerose-Patienten, dass das Medikament Sativex gegen Schmerzen und Krämpfe wirksam hilft, ohne dass bei einer Langzeitbehandlung eine Toleranz entwickelt wurde. Der Wirkstoff, der mit Sativex unter die Zunge gesprüht wird, beruht auf einem THC-haltigen Pflanzenextrakt, das heisst auf einem jenem Tetrahydrocannabinol, das die Hanfpflanze enthält.

In der Hanfpflanze findet sich eine Vielzahl medizinisch interessanter Komponenten, die jeweils unterschiedlich wirken. Der Wirkstoff Cannabidiol etwa scheint die Folgen der Epilepsie mildern zu können. Cannabidiol wird aus natürlichem Hanf gewonnen, der vor allem in der Bekleidungsindustrie Anwendung findet und frei erhältlich ist. Der Stoff ist nicht psychoaktiv, allerdings ist Cannabidiol noch wenig erforscht.  

 

Hanf bei Schizophrenie

Italienische Neurologen haben nun 20 epileptische Kinder mit Cannabidiol in Tropfenform behandelt und dadurch die Anzahl und Intensität der Anfälle deutlich reduzieren können. Kritiker wenden allerdings ein, bei dieser Versuchsanlage von einer "Studie" zu reden, sei zu hoch gegriffen, und sie beurteilen die Ergebnisse entsprechend skeptisch.

    Deutsche Neurologen um Markus Leweke von der Universitätsklinik Köln haben denselben Wirkstoff erstmals bei Schizophrenie angewandt. Während 28 Tagen erhielten im Rahmen einer klinischen Studie 42 Patienten, die unter akuter Schizophrenie litten, reines Cannabidiol. Es zeigte eine ebenso gute Wirkung, wie ein sonst häufig eingesetztes Vergleichsmedikament, hatte jedoch deutlich weniger Nebenwirkungen.

    Auch in der Schweiz sind derzeit einige Studien im Gang, in denen die Wirksamkeit der verschiedenen Inhaltsstoffe der Cannabispflanze untersucht werden. Am Kantonsspital St. Gallen etwa beschäftigt sich derzeit Markus Weber mit THC bei der Erkrankung amyotrophischen Lateralsklerose (ALS). Der mit dieser Nervenkrankheit verbundene Muskelschwund führt bei den meisten Patienten nach drei bis fünf Jahren zum Tod, viele leiden an sehr schmerzhaften Muskelkrämpfen. Markus Weber, der leitende Arzt des interdisziplinären neuromuskulären Zentrums am Kantonsspital St. Gallen, führt nun eine klinischen Studie mit THC an 24 Patienten durch. Sie erhalten THC in Tropfenform. Erste Erfahrungen unter anderem aus den USA sind laut Weber viel versprechend. Der Muskelschwund könne zwar nicht gestoppt werden, aber es gebe Hinweise, dass dieser gebremst werden könne. Das THC sei dabei gut verträglich: "Die typischen Nebenwirkungen von THC wie Schwindel, Kopfweh, Übelkeit oder Rauscheffekt treten bei der niedrigen Dosierung kaum auf", betont Weber.

            Eine wichtige Frage bei der medizinischen Anwendung von Cannabis ist die optimale Anwendungsform. Schluckt man die Wirkstoffe als Pille oder Tropfen, werden 80 bis 90 Prozent THC von der Leber abgebaut und deaktiviert. Wenn der Wirkstoff in die Lunge inhaliert werden kann, fällt dieser Nachteil grossenteils weg. Diese Verabreichungsform erforscht derzeit Rudolf Brenneisen in Bern. Nach zweijähriger Vorarbeit hat er Anfang Oktober mit einer klinischen Studie an Gesunden begonnen. Ziel ist es, nicht nur die Cannabinoide möglichst rasch und ohne Verlust an den Wirkungsort zu bringen, sondern auch lästige Nebeneffekte wie Hustenreiz und Rauscheffekt zu reduzieren.

 

Schloss und Schlüssel

Heute befasst sich die Cannabis-Forschung auch vermehrt mit der Frage, wir die Wirkstoffe auf molukularen Ebene wirken Dabei spielt eine zentrale Rolle das vor 15 Jahren entdeckte körpereigene Cannabinoid-System, das alle Säugetiere aufweisen und das deshalb schätzungsweise 600 Millionen Jahre alt ist, also viel älter als die Hanfpflanze selbst. Es basiert auf einem Schlüssel-Schloss-Prinzip, bei dem Cannabinoid-Rezeptoren die Schlösser darstellen, während die als Botenstoffe durch den Körper zirkulierenden Cannabinoiden die Schlüssel sind. Störungen dieses Systems können verschiedene Krankheiten auslösen, Wirkstoffe, die in dieses System eingreifen, könnten deshalb als Heilmittel eingesetzt werden.

    Ein zweiter Schwerpunkt der aktuellen Forschung ist die Hanfpflanze selbst. Dabei werden zwei unterschiedliche Strategien verfolgt: Die eine stützt sich auf die einzelnen Wirkstoffe der Hanfpflanze wie THC oder Cannabidiol, die für den medizinischen  Gebrauch aus der Hanfpflanze isoliert oder aber synthetisiert werden. Die zweite Strategie stützt sich auf so genannte Vielstoff-Arzneien. Anhänger dieser Strategie sind überzeugt, dass die beste Wirkung mit einem Pflanzenextrakt erzielt wird, der sich aus verschiedenen Wirkstoffen zusammensetzt. "Vom medizinischen Standpunkt her ist aber beides gleich wichtig, Extrakt und Einzelstoff", glaubt Brenneisen.

Kasten

Zur Zulassung von Cannabis-Forschung und -Arzneimitteln

 

Im vergangenen Jahr hat die kanadische Gesundheitsbehörde den Multiple-Sklerose-Mundspray "Sativex" zugelassen. Damit ist Kanada das erste Land weltweit, das einem Cannabis-haltigen Arzneimittel die Zulassung erteilt. Die Medizin, aber auch viele Patienten, feierten dies als Meilenstein auf dem Weg zur „Rehabilitation“ des alten Heilmittels. In England lässt die Zulassung desselben Medikaments auf sich warten, die Gesundheitsbehörde verlangt hier  weitere Untersuchungen. Anbau und Konsum von Cannabis sind auch in England verboten.

            In der Schweiz kann das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zwar für die Verwendung von Hanf zur Betäubungsmittelgewinnung oder von Präparaten, die Hanf enthalten, Ausnahmebewilligungen erteilen. Es muss sich jedoch dabei um wissenschaftliche Forschung, nicht um medizinische Anwendung handeln. Das hat laut BAG auch damit zu tun, dass man 1951, als das Gesetz erlassen wurde, nicht daran dachte, dass Cannabis auch einmal medizinisch genutzt werden könnte. In der Revision des Betäubungsmittelgesetzes, die letztes Jahr gescheitert ist, sah eine Lockerung vor, um eine beschränkte medizinische Anwendung zu ermöglichen. Das Parlament erarbeitet nun einen neuen Vorschlag, der die medizinische Verwendung von Cannabis vorsieht.

            Deutschland hat trotz Cannabis-Verbot einen anderen Weg eingeschlagen. Seit 2000 ist es möglich, aus Faserhanf pflanzliches THC herzustellen. Das deutsche Unternehmen THC Pharm hat sich nun darauf spezialisiert, die THC-Grundsubstanz herzustellen. Apotheken in ganz Deutschland beziehen inzwischen diese Grundsubstanz und stellen auf ihre Kunden  zugeschnittene Medikamente her. THC Pharm will synthetisches THC auch in die Schweiz liefern, wo bisher nur das relativ teure Marinol zugelassen ist. (mü)