Erscheinungsort:                   Saldo

Erscheinungsdatum:            7. Februar 2007

 

Nur wenige Behinderte wollen als Arbeitgeber auftreten

 

Seit einem Jahr können Behinderte ihre Betreuung selbst organisieren. Doch das Angebot des Bundes hat Schwachstellen.

 

Stefan Müller

 

Viele geistig wache, aber körperlich behinderte Menschen fristen ein trauriges Dasein in einem Pflege- oder Altersheim. Das ist menschlich eine Tragödie und finanziell ein Irrsinn. Denn die Betreuung im Pflegeheim ist häufig bedeutend teurer als in einer Privatwohnung. Ein Ausweg könnten so genannte Assistenzbudgets sein. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA und wird hierzulande von der Fachstelle Assistenz Schweiz (Fassis) propagiert: Assistenzbudgets sollen behinderten Menschen ermöglichen, ausserhalb eines Heimes zu leben und die benötigte Hilfe selbst zu organisieren. In der Rolle des Arbeitgebers stellen sie selbst Hilfskräfte an, die ihnen im Alltag zur Hand gehen. Seit genau einem Jahr ermöglicht die Invalidenversicherung (IV) in einem Pilotprojekt solche Assistenzbudgets (siehe Kasten).

 

Für behinderte Menschen ist das eine Chance, mehr Selbstbestimmung zu erlangen. Das zeigen die zwei Porträts (siehe nebenan): Dem Tetraplegiker Michael Kuhn bot das Assistenzbudget die Chance, aus dem Heim auszutreten. Und die an einer Nervenerkrankung leidende Daniela Iser konnte einen Eintritt ins Wohnheim verhindern. Assistenzbudgets können auch eine Entlastung für Angehörige sein, die häufig unentgeltlich riesige Betreuungsaufgaben wahrnehmen.

 

Geführt wird der Pilotversuch vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), Fassis und den IV-Stellen. Am Versuch teilnehmen dürfen Menschen, die eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung erhalten. Doch die Betroffenen zögern, die Rolle des Arbeitgebers einzunehmen. Saldo-Recherchen ergeben: Von den 400 bewilligten Plätzen sind bis heute erst gut die Hälfte besetzt. Und das Ziel, Menschen den Austritt aus dem Heim zu ermöglichen, ist bisher auch nicht erreicht worden: Laut dem BSV wohnten 90 Prozent der Projektteilnehmer nämlich bereits vorher privat.

 

Peter Eberhard vom BSV glaubt, dass manche abgeschreckt würden, weil das Projekt bis Ende 2008 befristet und ungewiss sei, was nachher geschehe. «Ein Grund könnte aber auch sein, dass die Anforderungen an die Teilnehmenden recht hoch sind», so Eberhard. Für Peter Wehrli vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZSL) ist das Projekt ein Schritt in die richtige Richtung. Das ZSL setze sich seit Jahren dafür ein, dass Behinderte nicht einfach von Institutionen versorgt würden, sondern selbst über die Betreuungsgelder bestimmen könnten. Einen Grund für die zögerliche Teilnahme sieht Wehrli bei den Heimen; sie hätten wenig Interesse daran, relativ selbstständige Bewohner ziehen zu lassen, würden sie doch so Bundesbeiträge verlieren.

 

Dem widerspricht Stefan Sutter von Curaviva, dem Verband Heime und Institutionen Schweiz: «Die Heime stehen den Behinderten nicht im Weg.» Die Schwachstelle liege vielmehr beim Versicherungssystem: «Die Berechnung des Assistenzbudgets stützt sich massgeblich auf den Grad der Hilflosigkeit, geistige und psychische Behinderungen werden kaum berücksichtigt», kritisiert Sutter. Dieser «einseitige Fokus aufs Körperliche» führe dazu, dass sich nur eine kleine Gruppe für das Projekt interessiere – körperlich eingeschränkte, aber gut ausgebildete und bereits autonom lebende Menschen. «200 Teilnehmer sind für uns ein Erfolg», hält demgegenüber Katharina Kanka von Fassis fest. Zudem betont sie, dass auf ihrer Warteliste weitere 90 Personen auf eine Zulassung zum Projekt hoffen.

 

Ob der Pilotversuch auch die geplanten Kosteneinsparungen bringen wird, lässt sich laut BSV jetzt noch nicht sagen. Das Sparpotenzial dürfte jedoch Ende 2008 den Ausschlag geben, ob der Bundesrat das Assistenzbudget definitiv einführen wird oder nicht. Möglich ist auch, dass der Versuch um weitere vier Jahre verlängert wird. Das würde den Projektteilnehmern zumindest etwas mehr Sicherheit über ihre Zukunftsaussichten geben.

 

 

Kasten:

 

Im Schnitt 5400 Franken

 

Im Rahmen der 4. Revision der Invalidenversicherung hat der Bundesrat die Möglichkeit des Assistenzbudgets für Behinderte geschaffen. Wer mitmachen will, muss eine administrativ aufwändige Abklärung über sich ergehen lassen, bei der der Zeitaufwand für die benötigte Hilfe ermittelt wird. Budgetiert wird mit einem Stundenansatz von 30 Franken. Im Durchschnitt kommt damit ein Projektteilnehmer auf 5400 Franken pro Monat, um sich seine Betreuung mit eigenen Assistenten zu organisieren und zu bezahlen. Den Lebensunterhalt muss er mit der IV-Rente oder anderen Einnahmen wie einem Erwerbseinkommen bestreiten.

 

Mehr Informationen unter: www.assistenzbudget.ch

 

 

Porträt 1:

 

Daniela Iser: Den Eintritt ins Wohnheim verhindert

 

Vor knapp zehn Jahren musste Daniela Iser wegen einer fortschreitenden neurologischen Erkrankung ihren Beruf als EDV-Programmiererin aufgeben. Die 43-Jährige ist auf einen Rollstuhl angewiesen lebt aber nach wie vor selbstständig in einer kleinen Zürcher Stadtwohnung. Hilfe braucht Daniela Iser vor allem bei der Körperpflege und im Haushalt. Mit dem Assistenzbudget beschäftigt sie sieben Assistentinnen. Dadurch hat sie viel Freiheit gewonnen: Nun findet sie wieder Zeit um jede Woche einige Stunden im Zentrum für selbstbestimmtes Leben mitzuarbeiten. Und dank den Assistentinnen kann sie auch wieder vermehrt ihre Hobbys pflegen: «Mit ihnen kann ich regelmässig ins Hallenbad gehen oder ein Konzert in der Tonhalle besuchen.» Mit den Assistentinnen habe sie schliesslich auch ihre Eltern stark entlasten können, die sie bisher betreuten. Für Daniela Iser ist klar: «Das Assistenzbudget kam gerade zum richtigen Zeitpunkt. Ich konnte dadurch den Heimeintritt abwenden.»  (mü)

 

 

Porträt 2:

 

Michael Kuhn: Dank Heimaustritt viel Freiheit gewonnen

 

Michael Kuhn lebte bis vor gut einem Jahr in einem Alters- und Pflegeheim. Der 58-Jährige wurde nach einer Viruserkrankung zum Tetraplegiker und ist motorisch an Armen und Beinen gelähmt. Er braucht regelmässig Hilfe. «Im Heim unterliegt man den Regeln des Hauses», erinnert sich der ehemalige Leiter einer Lebensberatungsfirma. «Um sieben Uhr mussten alle ins Bett. Duschen durften wir nur einmal die Woche.» Alles sei auf hoch betagte Menschen ausgerichtet gewesen. Heute lebt Kuhn dank des Assistenzbudgets wieder selbstständig in einer eigenen Wohnung. Er führt sein «Kleinunternehmen» mit fünf Assistenten, die ihn betreuen. Über die Verwendung des Assistenzgeldes muss er der IV-Stelle minuziös Rechenschaft ablegen. Trotz des grossen administrativen Aufwands möchte Michael Kuhn die neu gewonnene Freiheit keinesfalls wieder aufgeben. Er hat wieder Freizeit und kann ausgehen, wann er will. «Das Projekt fördert das Selbstbewusstsein der Behinderten», ist Kuhn überzeugt. Er hofft, dass es ab 2008 definitiv eingeführt wird. (mü)