Erscheinungsort:                   Aargauer Zeitung

Erscheinungsdatum:            19. Dezember 2006

 

Und Ende Jahr ein Check-up

 

Gesundheitskosten. Im Dezember sind die Praxen voll wie selten. Die Franchise und der Weihnachtsfrust treiben die Menschen zum Hausarzt.

 

Stefan Müller

 

Auf den Einkaufsstrassen und in den Läden herrscht Hochbetrieb. Doch nicht nur dort. Auch die Wartesäle der Arztpraxen sind so voll wie selten. Einen Termin bekommen nur noch dringende Fälle. Für alle anderen heisst es jetzt: "Wir haben erst im Januar wieder Platz."

     Dies beobachtet auch Peter Marbet von Santésuisse, dem Verband der Schweizer Krankenversicherer: „Die Kosten im vierten Quartal sind höher." Für die Krankenkassen ist diese saisonal erhöhte Nachfrage nach medizinischen Leistungen ein Ärgernis. Branchensprecher Marbet glaubt, dass die jährliche Franchise eine Mitschuld an dieser Entwicklung trägt.

    Mit dieser im Krankenversicherungsgesetz (KVG) festgelegten Kostenbeteiligung der Versicherten, soll erreicht werden, dass die Versicherten unnötig zum Arzt rennen. Doch das funktioniert nur so lange wie die Franchise noch nicht ausgeschöpft ist. „Grundsätzlich hat die Franchise eine Kosten sparende Wirkung“, so Marbet. Das könne jedoch ins Gegenteil umschlagen, wenn die Franchise ausgeschöpft sei und nur noch der Selbstbehalt verbleibe. Es gebe Versicherte, die dann entsprechend von medizinischen Leistungen profitieren wollten, sagt Marbet.

     So kommt es, dass endlich mal ein Check-up gemacht, ein verdächtiges Muttermal noch rasch prophylaktisch entfernt oder die Hausapotheke mittels Rezept wieder aufgefüllt wird. "Mangelndes Kostenbewusstsein", urteilt die Medienverantwortliche der Krankenkasse Visana, Grazia Siliberti, dieses Verhalten. Sie klagt: „Die heutige Ausgestaltung der Krankenversicherung als solidarisch getragene Absicherung gibt vielen Versicherten das Gefühl, sie hätten ein Abonnement auf Gesundheitsleistungen gelöst.“

     Allerdings, genaue Zahlen dazu existieren nicht. So kann Santésuisse-Sprecher Marbet nicht einmal die vollen Praxen mit Daten belegen. Man habe zwar monatliche Abrechnungen, doch würden die so stark schwanken, dass keine Aussagen möglich seien, so Marbet. Ein Problem dabei ist, dass die einzelnen Krankenkassen die Arztbesuche erst später abrechnen und zwar nach unterschiedlich langen Zeiträumen. Die Monatszahlen werden deshalb auch nicht veröffentlicht.

     Die vollen Praxen Ende Jahr werden dennoch von vielen bestätigt. So auch von Hansueli Späth. Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, der selbst eine Hausarztpraxis in Langnau am Albis führt, beobachtet vor allem eine vermehrte Nachfrage nach Check-ups und Medikamenten. Er kann sich gut vorstellen, dass einige Begehren und Arztkonsultationen aus finanziellen Überlegungen erfolgen. Doch aus „purer Lust“ oder wegen dem Lifestyle kämen die Leute trotzdem nicht.

    Zudem ist nicht nur die Franchise Schuld daran, dass die Kosten Ende Jahr steigen. Späth: „Die Hausärzte werden ab der Adventszeit, insbesondere um die Weihnachtszeit herum, massiv mehr von Menschen aufgesucht, die über psychosoziale Leiden klagen wie Kopfweh, Bauchweh oder Schlafstörungen.“ Oft seien dies Menschen, die Mühe bekunden mit den Festtagen würden.

     Giorgio Bugliani, Facharzt für Innere Medizin, beobachtet zudem dass manche Patienten nicht nur an Feiertagen, sondern auch in der Nacht oder an Wochenenden ängstlicher sind und schneller Hilfe suchen. Die Zunahme der Arztbesuche Ende Jahr führt der Präsident des Aargauischen Ärzteverbands in erster Linie auf die saisonal bedingten Krankheiten wie Erkältungen oder Grippe zurück. Dass Patienten zum Jahresschluss noch von der Krankenkasse profitieren wollen, kann er sich hingegen kaum vorstellen - weil die Hausärzte während des ganzen Jahres schon überlastet seien.