Erscheinungsort:                 NOVA

Erscheinungsdatum:           März 2006

 

 

Unkonventionelle und fantasievolle Wege sind gefragt

 

Das Alter und das Älterwerden sei ein Lebensabschnitt der viel zu bieten habe, erklärt Judith Giovannelli-Blocher. Die Autorin ist selbst  über siebzig, ihre Denkanstösse das Alter zu gestalten, gründen auf eigenen Erfahrungen. In ihrem neuesten Buch über das Glück der späten Jahre befasst sie sich auch mit dem Thema Sexualität im Alter. NOVA hat sie dazu befragt.

 

Stefan Müller

 

Judith Giovannelli-Blocher, in Ihrem Buch „Das Glück der späten Jahre“ beschreiben Sie Sexualität als „Triebkraft der Lebensreise“. Was verstehen Sie darunter?

 

Judith Giovannelli-Blocher: Entgegen der landläufigen Meinung Sexualität existiere nur im Fortpflanzungsalter bestimmen sexuelle und erotische Triebe unser Leben schon von Klein auf bis zum Tod. Aus diesem Grund sollte man diese Triebkraft ernst nehmen, sowohl bei Kindern im Vorschulalter als auch älteren Menschen – und nicht einfach darüber grinsen. Die Sexualität gehört zum Menschen.

 

Trotzdem haben gerade auch ältere Menschen, Mühe zu ihrer Sexualität zu stehen?

 

Das stimmt nur zum Teil. Männer beispielsweise können vielfach ziemlich direkt darüber sprechen und ihre sexuellen Bedürfnisse ausdrücken. Frauen dagegen tun dies eher indirekt. Zum Beispiel gifteln sie oder machen abwertende Bemerkungen über Altersgenossinnen, die noch Sexualität haben. Andere Frauen dagegen lehnen das Thema vehement ab: „Im Gottes Willen bleiben Sie mir bloss damit fern.“ Viele sind nämlich auf Grund von Enttäuschungen froh, keinen Sex mehr haben zu müssen.

 

Wieso können die Männer eigentlich besser über dieses Tabuthema reden?

 

Das hat damit zu tun, dass sie im Alter verstärkt Kontrolle und Hemmungen verlieren und deshalb die Bedürfnisse ungefiltert herauskommen. Gute Beispiele liefern grosse Schriftsteller, die in ihren Spätwerken zum Teil ziemlich hemmungslos ihre lange unterdrückten Triebe ausleben, zumindest literarisch. So etwa das Werk von Martin Walser mit „Der Augenblick der Liebe“ (2004) oder jenes von Philip Roth mit „Das sterbende Tier“ (2003). Sie lassen sich darin teilweise mit ganz jungen Frauen ein. Voller Verzweiflung und Begehren klammern sich die alten Männer an diese Frauen. Sie wollen noch etwas sein, begehrt werden, obschon es aussichtslos ist. Sie trauern um ihre verlorene Potenz als Mann.

            Bei den Frauen ist indessen ebenfalls eine solche Bewegung auszumachen, allerdings bei den jüngeren. So erfreuen sich Männerstrip-Veranstaltungen wachsender Beliebtheit.

 

… und die Bedürfnisse bestehen weiter.

 

Ja. Während meiner Vorlesungen haben Altersgenossinnen eingestanden, dass sie sexuelle Sehnsüchte haben. Eine 80-Jährige hat mir gesagt, dass sie ein ganz starkes Bedürfnis hätte, berührt zu werden. Gerne würde sie auch wieder einmal mit einem „Herrn“ reisen gehen. Doch dies komme leider nicht mehr vor. Ich bin überzeugt, dass es nur wenig braucht, dass bei vielen Frauen der Damm bricht – und sie ihre erotischen Bedürfnisse mitteilen würden.

 

Welche Auswirkungen haben gesellschaftliche Veränderungen in Bezug auf die Sexualität älterer Menschen?

 

Wir werden heute im Schnitt 18 Jahre älter; und ein 78-Jähriger ist heute wie ein 60-Jähriger vor 100 Jahren. Die sexuellen Funktionen bleiben entsprechend länger erhalten. Ausserdem leben wir in einer stark sexualisierten Welt. In der Werbung tritt diese dominant in Erscheinung. Überall werben halbnackte Frauen für irgendwelche Produkte. Umgekehrt wird die Gesellschaft auch rigider. Angehörige von Berufen, die Menschen betreuen – Berufe wie Pflegende, Lehrpersonen oder Sozialarbeitende –, haben ständig Angst, eines sexuellen Übergriffs bezichtigt zu werden. Das führt zu einem verkrampften Verhältnis zwischen den Geschlechtern und Generationen. Das Ausbleiben der essenziellen Körperkontakte stört in der Folge sowohl die gesunde Entwicklung eines Kindes als auch das Wohlbefinden älterer Menschen.

 

Welchen Einfluss haben neue medizinische Errungenschaften wie Viagra?

 

Ich fühle mich nicht zuständig für diese Frage. Was ich jedoch gewiss sagen kann: Die Sache mit Viagra ist eine Geldmacherei. Die Werbung suggeriert ein glückliches Leben, das aber allein mit einer intakten Erektion nicht erreichbar ist. Es braucht nämlich immer zwei – und für Frauen gibt es kein entsprechendes Mittel. Das heisst, entweder müssen sich Männer eine jüngere Frau nehmen, oder sie malträtieren ihre Frau. – Es gibt inzwischen schon Sexualpädagogen und Berührerinnen in Altersheimen! (Kopfschütteln) In einzelnen Fällen mögen ja Potenzhilfen wie Viagra berechtigt sein. Was bringen jedoch solche künstliche Hilfsmittel? Ist es nicht nur ein Erzwingen von etwas, das vielleicht in dieser Form nicht mehr sein muss?

 

Was sind die Vorteile der späten Erotik?

 

Männer und insbesondere die Frauen haben ein besseres Selbstvertrauen, haben sich selbst im Laufe der Jahrzehnte kennen gelernt. Und viele unbegründete Ängste, die man als junger Menschen eben einmal hat, fallen weg. Dies bedeutet: Verlust von Angst und Gewinn an Selbstvertrauen – das macht Lust! Hinzu kommt, dass wir im Alter mehr Zeit haben – vor allem auch, wenn die Kinder ausser Haus sind – ebenfalls eine wichtige Voraussetzung für Sexualität.

 

Die Nachteile?

 

Negativ ins Gewicht fällt natürlich der Körper, der nicht mehr so kann wie früher. Man ermüdet rascher und ist unbeweglicher. Zudem ist man träger, und alles ist etwas mühsamer. Das heisst, man muss gegen diese Trägheit ankämpfen. Zweifellos braucht es einen grösseren Effort. Unkonventionelle und fantasievolle Wege sind nun gefragt. Entscheidend dabei: Ort und Zeit. Abends sind wir Älteren nämlich früh müde, und morgens haben wir eine längere Anlaufzeit. Somit bleiben nur noch Tagesstunden. Für manche ist es zudem prickelnder Sexualität nicht zu Hause zu haben, sondern in einem Hotel. Zweifellos braucht es einen grösseren Effort.

 

Gute Rahmenbedingungen sind das eine. Wie sieht es aber mit den sexuellen Funktionen aus?

 

Die spielen im Alter tatsächlich nicht mehr so gut: Der Mann hat eine schlechte Erektion, die Frau eine trockene Scheide. Der Koitus ist schwieriger und muss durch andere Praktiken ersetzt werden. Ziel bei dieser ungünstigen Ausgangslage ist es nun, dass gegenseitig keine Vorwürfe gemacht werden. Es nützt nichts, den Leuten vorzuführen, wie man aufs Matterhorn kommt. Andere Formen der Sexualität sind gefragt, ganz individuelle. Dies herauszufinden, kann Spass machen oder frustrieren. Das hängt vom Typ ab, den man ist. Ich bin jedoch gegen Kurse, die vordemonstrieren, wie Sexualität praktiziert werden soll. Doch nötig sind viele Gespräche zwischen den Partnern und Wissen über die Zusammenhänge. Konflikte gehören dazu, ebenso wie Eifersucht. Dagegen ist man auch im hohen Alter nicht gefeit. Wichtig ist einfach, dass man die Konflikte miteinander bearbeitet.

            Sex beginnt mit der Phase des Streichelns und Wärme geben. Wärme geben ist wesentlich, denn der alternde Mensch „erkaltet“ physisch gesehen und braucht deshalb besonders viel Wärme. Vielleicht entsteht daraus mehr, vielleicht auch nicht. Das ist nicht zwingend nötig. Gelungene Sexualität, in welcher Form auch immer, macht jedenfalls Freude und belebt.

 

Wie können sich Angehörige oder Pflege- und Betreuungspersonen in Altersheimen verhalten, um diesem Bedürfnis  den nötigen Raum zu geben?

 

Man muss sich zunächst bewusst sein, dass Sexualität auch im Alter ein natürliches Bedürfnis ist und einen Platz im Altersheim haben sollte. Wenn nun Männer und Frauen offen rumschätzeln, sich streicheln oder küssen, sollte dies als etwas sehr Schönes und Positives aufgefasst werden. Es ist keine Selbstverständlichkeit! Solche zwischenmenschlichen Interaktionen erfordern eine liebevolle und respektvolle Begleitung.

            Weil jedoch körperlich nicht mehr so viel geht, kommt der Macht der Vorstellungen und Wünsche grosse Bedeutung zu. Beim Erzählen von Früher schmücken deshalb ältere Menschen ihre Geschichten aus: Männer werden zu Frauenhelden und Frauen zu einer Schönheitskönigin: „Ich war früher weiss wie umschwärmt. Man nannte mich die Prinzessin von…“ Wenn es sich dabei auch nur um Wunschdenken und Phantasien handelt, die jedoch als sehr real empfunden werden, bedürfen sie es ernst genommen zu werden. So dient das Schwelgen in den Sissi-Filmen und sonstigen alten Schnulzen mit süssen Liebesgeschichten oder in den idealisierten Erinnerungen dem Zweck, sich über eine Zeit hinwegzuretten, in der das Leben nicht mehr so attraktiv ist. Es macht also Sinn, bewusst solche Filme auszuwählen, um im Altersheim abzuspielen.

            Tanzen hat ebenfalls einen hohen Stellenwert. Ich finde das Tanzen sogar etwas vom Bewegendsten: Wenn man die Paare beobachtet, wie sie im Stillen träumen, sie wären noch jung. Da gehören aber genauso die vielleicht abwertenden Bemerkungen von denen dazu, die nicht tanzen, sondern nur zuschauen. Eine Intervention seitens des Personals ist hier nicht angebracht.

 

Wie ist es möglich in Altersheimen und Pflegeeinrichtungen, einen sinnvollen Umgang mit der Sexualität zu finden?

 

Die Rigidität, wie ich sie weiter oben angesprochen habe, findet man auch in diesen Einrichtungen. Ohne Zweifel ist eine professionelle Distanz vonnöten, wenn beispielsweise Bewohner einen allzu offen belästigen. Es ist wichtig, dass sich das professionelle Personal Strategien aneignen kann, die sowohl Grenzen setzen als auch die alten Menschen nicht verletzten. Das Team hat festzulegen, wo die Grenzen gesetzt werden: Welche körperlichen „Belästigungen“ oder Witze sind erlaubt, welche nicht? Wie geht man mit Sexualität im Allgemein um? Wie gehts den Mitarbeitenden dabei?

            Eine Pflegerin verriet mir einmal ihre Methode, wie sie mit den „alten Glüstlern“ umzugehen pflege. Sie erlaube ihnen, sie anzufassen, aber nur explizit an den Armen. Der Rest sei Tabu. Diese Methode erleichterte der Pflegerin den Kontakt mit solchen Männern. Wichtig scheint mir, dass der Umgang mit der Sexualität in Heimen offen diskutiert wird und entsprechende Strukturen geschaffen werden.

 

*Giovannelli-Blocher Judith: Das Glück der späten Jahre. Mein Plädoyer für das Alter. Pendo Verlag, 2004. ISBN 3-86612-070-2